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Haus–Eingang

„Schau.“
Olga zeigte auf das Metallgitter, das die Tür des Gebäudes vor Einbrüchen schützte. An einer Stelle waren Platten in die Zwischenräume geschraubt, darauf stand: „Haus-Eingang“.
„Ja“, sagte Li, „damit man weiß, was das ist.“
Sie griff in das Gitter und rüttelte daran. Erst leicht, als wollte sie testen, ob es sich öffnen ließe, dann fester, übertrieben dramatisch, als wäre das Hauseingangsgitter das Gitter einer Gefängniszelle.
Olga sagte: „Komm“, ging ein paar Schritte zur Seite und setzte sich auf den Gehsteig.
Die Straße war menschenleer. Die ganze Gegend verlassen.
Li setzte sich zu Olga, fragte: „Und jetzt?“
„Jetzt warten wir“, sagte Olga.
Li lachte.
„Was?“ fragte Olga.
„Du wolltest dir doch“, sagte Li, „ein Tattoo machen.“
Olga zog ihr T-Shirt herunter und zeigte sich auf die Schulter. „Hier.“ Dann fuhr sie sich die Außenseite des Unterschenkels entlang, vom Knöchel bis zum Saum ihres Rocks. „Und hier.“ Sie lehnte sich zurück. „Vielleicht noch am Rücken.“
„Schulterblatt“, fragte Li, „oder überm Arsch so?“
„Weiß nicht“, sagte Olga und dann nach einer Weile: „Schulterblatt.“
„Geil wäre“, sagte Li und blies Luft aus der Nase. „Machs so wie beim Gitter. Auf die Schulter ‚Schulter‘, auf den Unterschenkel ‚Unterschenkel‘, aber so mit Bindestrich: ‚Unter … Schenkel‘ und am Arsch –“
Sie drückte sich die Hand auf den Mund und legte den Kopf in den Nacken. Über ihnen hatte jemand an die Wand geschrieben: „What are you, what are you waiting for?“
„Schulter … Blatt“, sagte Olga. „Schulter … Bindestrich … Blatt.“
Li zeigte hinter sich an die Wand, auf den Schriftzug.
„Schau.“

Foto: Metallgitter mit der Aufschrift: „Haus-Eingang“

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Ich kreuzte die Beinchen vorm Bauch

Es war ein offener Bau, überdacht, aber ohne Seitenwände. Die Menschen hatten ihn wohl hier gebaut, um das Meer zu beobachten. Dabei tranken sie braunen Sud, der bitter duftete und sicher auch bitter schmeckte, denn sie tranken ihn gezuckert und aßen dazu süßen Teig, der in allen Farben leuchtete. Der Zucker war es auch, der mich immer wieder angelockt hatte.
Die Menschen duldeten mich. Es kam vor, dass einer mit dem Handrücken nach mir schlug, andere lehnten sich zurück und erlaubten mir, von ihrem Zucker zu naschen. So zog ich von buntem Zucker, zu buntem Zucker wie über eine satte Blumenwiese. Bald flog ich täglich hierher. Hätte ich wissen sollen, dass ich mich an eine Falle gewöhnte, die eines Tages zuschnappen würde?
Wobei: Ich deute es so, doch bin ich selbst jetzt, da mir die Vergangenheit klar erscheinen sollte, nicht sicher, ob es sich wirklich um eine Falle handelt. Über die Bauten der Menschen kursieren wilde Gerüchte. Die Mehrheit davon ist Aberglauben. Aber zuweilen ereignet sich Merkwürdiges dort, wo die Menschen die Natur in ihrem Sinne umgestaltet haben: Die Fallen etwa gibt es, ich habe sie selbst gesehen. Mit Sirup gefüllte Gefäße. Man sieht ihnen die Enge nicht an, klettert hinein und stürzt in den klebrigen Saft; oder die einzige Öffnung ist so geformt, dass die Beine keinen Halt finden und man abrutscht. Man schlägt mit den Flügeln, aber sie klatschen gegen die grüne oder braune Schale. Die Luft in der Falle ist von der Sonne heiß, die Kräfte versagen schließlich und man ergibt sich. Das Ende kommt als Erleichterung, ein Tod im Zucker. Ironisch, wenn man daran denkt, wie unsere Legenden das Paradies ausmalen.
Solche Fallen habe ich zu vermeiden gelernt. Sie raffen nur die Jungen dahin, die ihre Triebe nicht zu beherrschen vermögen, die glauben, die Warnungen der Alten von den Flügeln putzen zu können. Sie denken – und ganz unrecht haben sie damit nicht – warum nicht vom Köder naschen und der Falle entrinnen? Schließlich schaffen es manche.

Zuerst hielt ich es für einen starken Wind. Ich flog und prallte von der Luft ab, als hätte ich einen Baum oder eine Felswand getroffen. Vom Aufprall benommen setzte ich mich, ging auf und ab, schüttelte die Flügel aus. Ich flog wieder an und prallte wieder ab. Vor mir lag die Freiheit, aber eine unsichtbare Kraft hielt mich davon ab, dorthin zu gelangen.
Mit Anlauf flog ich erneut gegen die unsichtbare Mauer, erneut schlug ich mir den Kopf, trudelte zu Boden und drehte mich nur mit Mühe auf die Beine. Ich setzte mich und rieb mir mit den Vorderbeinchen den Kopf. Manchmal vergingen Probleme von selbst. Vielleicht war es wirklich ein Wind und ich musste nur warten und seine Kraft ließe nach. Vielleicht würde mir, wenn ich nur Ruhe bewahrte und nachdachte, die Lösung zufliegen, so wie ein Stück Fleisch einem zuweilen einfach vor die Füße fällt.
Doch die Sonne versengte mir den Hinterkopf und die Oberseite des Giftbeutels. Ich drehte mich, um die Hitze besser zu verteilen, auf den Rücken. Die Flügel streckte ich zur Seite und die Beinchen kreuzte ich vor dem Bauch, als legte ich mich zum Sterben.

Foto: Totes Insekt auf Fensterbank

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Der Unterirdische Fluss

Vorne schlug Wasser gegen Stein. Arseni lenkte das Kanu auf das Plätschern zu, indem er das Ruder näher an sich heranzog. Noch war nichts von der Ausbuchtung zu sehen – nur die Wellen verrieten sie. Die Strömung floss hier langsam und Arseni hatte aufgehört, mit dem Ruder nachhelfen zu wollen. Zu dem Plätschern kam jetzt ein mattes Glühen, wie das Licht einer Stadt, die der Horizont verdeckt. Arseni trieb um eine Biegung und steckte die Hand ins Wasser. Es war kalt und kribbelte auf der Haut.
Das Boot näherte sich dem Ufer und Arseni stand auf, fing den Aufprall ab. Er hielt sich am Stein fest und zog die Seite des Bootes an die Uferwand. Er war in einer Aushöhlung, einer Höhle in der Höhle. Die Wände und der Boden waren von Flechten bedeckt: Sie schimmerten grünlich und rötlich und gelblich und weißlich und bräunlich. Arseni kletterte aus dem Kanu und zog es an Land. Er hielt seine Handfläche ans Licht: Es war so schwach, dass seine Haut grau aussah und die Falten darauf scharfe Linien zogen.
Das Wasser des Flusses war nicht giftig, aber auch kein Trinkwasser. Arseni hatte es einmal gekostet. Es stach in Hals und Magen und löschte den Durst nicht. Vielleicht wuchs deshalb nichts, im unterirdischen Fluss, und lebte nichts darin. Aber hier gab es Pflanzen. Woher nahmen sie ihre Kraft?
Es musste eine Quelle geben. Arseni ging die Seitenwände ab. Die Ausbuchtung maß keine zwanzig Schritt. Jedes Mal, wenn er eine Flechte berührte, zuckte sie und leuchtete auf, sodass das Licht in den Augen schmerzte und Arseni warten musste, bis er sich wieder an die Dunkelheit gewohnt hatte. An einer Stelle war die Wand feucht. Die Flechten standen hier dichter und blitzten schärfer. Aus einem Riss im Fels sickerte Wasser. Arseni drückte die hohle Hand gegen den Stein und sie füllte sich mit lauwarmer Flüssigkeit. Das Wasser musste von oben kommen, wo die Sonne den Stein wärmte. Er trank. Füllte die Hand und trank, füllte die Hand – trank – füllte noch einmal die Hand. Holte Luft und trank. Setzte sich, vom gelöschten Durst müde, und schlief ein.
Die Pflanzen legten sich ihm über den Leib. Wuchsen in Augen und Nase, in die Poren der Haut, in die Wurzeln des Haars; sie hoben und senkten sich im Takt Arsenis Atems, der schließlich erlosch.

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[Titel: Scharf, Schädlich]

[Prosa: Allegorie: Kräuter im Drink]
[Beat, Nina] „Das ist doch keine Minze.“ [Beat, Setting: Bar, Bossa Nova]
„Sieht aus wie Unkraut“, sagte Petra und [Beat]
[Beat: Nina entfernt Kraut aus Mojito]
[Beat: Petra nimmt das Kraut, Beschreibung: Erinnert an Löwenzahn, Salat] „Das würde ich nicht bezahlen.“
Nina sagte, dass es ihr egal sei und der Drink ihr ohne Minze eigentlich sowieso besser schmecke. Sie nahm Petra das Grün aus der Hand und steckte es sich in den Mund. „Ruccola.“
„Bestell Olivenöl dazu“, sagte Petra und [Beat: Lachen: Klang: Hämisch, Beat: Salzt und pfeffert Bloody Mary]
[Beat, Nina: Geste]
[Prosa: Bedeutung: Der Unterton und das Unkraut]

Foto: Bunte Glasflaschen: Grün, Weiß, Rot

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Mittelweg

Ein fucking Hirsch. Der Hirsch schleckte Matze in den Nacken.
Matze rann Geifer die Wirbelsäule hinunter und durchtränkte das Hemd im oberen Rückenbereich. Der Schaum roch nach verschimmeltem Magerjoghurt. Matze lag mitten am Weg, bäuchlings, sodass sein Körper eine Linie des Mittelstreifens bildete. Die Handflächen hatte er, wie zum Kopfsprung, überm Kopf gefaltet. Die gestreckten Beine presste er aneinander und zeigte mit den Fußspitzen zum Straßenrand. Weil auch die Fersen die Straße berührten, stachen ihm die Bänder in die Knieinnenseiten. Den eigentlichen Farbstreifen verdeckte sein Torso. Matze stellte sich vor, die Linie wäre auf die Bauchseite seines eigenen Körpers gepinselt, von den Eiern bis zur Kehle. Dann hätte trotzdem alles seine Richtigkeit, dann wäre alles beim Alten, zumindest solange er liegenbliebe, solange er sich nicht umdrehte, um den Hirsch zu verjagen.
Wenn jetzt ein Auto käme, dann flöhe der Hirsch in den Forst. Aber Matze bliebe einfach liegen, hätte gar keine Zeit mehr zu reagieren und der Wagen schösse entweder an ihm vorbei, oder rumpelte über seinen Leib wie über einen vom Sturm abgerissenen Ast. Möglicherweise wiche das Fahrzeug gerade so aus, dass die Reifen seinen Körper in zwei Hälften teilten und mit dem Blut und Eiter darin den Mittelstreifen nachzögen.
Der Hirsch hatte zu schlecken aufgehört, aber rührte sich nicht. Offenbar hatte ihn Matze falsch eingeschätzt.

Foto: Straßenschild: Mittelweg

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Lotus

Stängel

Eine Freundin von Oliver, die so etwas merkte, hatte gleich gewusst, was Sache ist. Beim Sprechen habe Sam immerzu die Hand auf Olivers Oberarm gelegt, einmal sogar seine Wange berührt. Wie konnte einem so etwas nicht auffallen?
In der Au wirbelten die Pappelsamen durch die Luft wie Schneeflocken. Ein Samen verfing sich in Sams schwarzgelocktem Haar. Oliver griff danach und strich ihm dabei mit dem kleinen Finger über die Wange. Sams Mundwinkel zuckte, aber er legte seine Hand auf Olivers und drückte sie sich gegen die Wange. Dann lehnte er sich vor und legte seine Lippen auf den geschlossenen Mund von Oliver, der erst Sekunden später daran dachte, ihn zu öffnen.

Blüte

„Weißt du noch“, sagte Oliver, „wo wir damals gestanden haben?“
In der Ferne rauschten Autos. Licht fiel auf die Blätter, sodass sie feine Schatten ins Gras warfen. Sam fotografierte mit seinem Handy einen umgestürzten Baumstamm, dessen Wurzeln zum Himmel zeigten. „Was?“
„Unser erster Kuss“, sagte Oliver und sah auf den Boden, als suche er eine Kontaktlinse. „Weißt du, wo das war?“
„Hier“, sagte Sam und steckte das Telefon ein. „Damals hast du noch in der WG gewohnt.“
Oliver nahm Sams Hand und legte sie sich auf den Bauch. „Du bist ja ganz kalt. Das kommt vom Fotografieren.“
Sam kitzelte Oliver an der weichen Stelle, seitlich unter der Rippe.

Frucht

Oliver stand vorsichtig aus dem Schaukelstuhl auf und drehte die Platte um, Nat Cole.
„War nicht ich dran?“ fragte Sam.
„Ich wollte sowieso aufstehen“, sagte Oliver. „Hast du Hunger? Ich schneide Obst auf.“
„Haben wir noch Pfirsiche?“
Oliver lachte, hielt sich dabei am Bücherregal fest. Sam wollte immer nur Pfirsiche. „Wie ist dein Buch?“
Sam legte das Buch in den Schoß und sah Oliver an. Er streckte den Arm nach ihm aus, aber erreichte ihn nicht. Eine Staubfluse, die Oliver aufgewirbelt hatte, blieb auf Sams Kopf liegen, schmolz und rann seine Wange hinunter zum Kinn, wo sie sich in den grauen Bartstoppeln verfing und verdampfte.

Foto: Lotusblüte, in die sich eine Biene setzt.

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Pastis Official

Onur schrieb, als verdecke er die Schrift mit seinem Körper, als hätte er Angst, jemand könne sich anschleichen und heimlich die Worte lesen, die ihm allein gehörten. Er hielt die Füllfeder in der linken Hand und hatte sein Notizbuch so weit nach rechts gedreht, dass er genaugenommen nicht mehr von links nach rechts, sondern von oben nach unten schrieb.
Die Kellnerin brachte den Pastis. Onur beendete den Satz, „… Furche an deiner Nasenwurzel, wenn du lachst.“ Dann setzte er ab und legte die Füllfeder in das aufgeschlagene Buch, damit der Wind die Seiten nicht umblätterte. Er kippte Wasser zum Pastis und das Eis knackte. Mit Asan hatte er ganze Tage mit Reden, Rauchen und Pastis verbracht. Aber nicht hier, sondern im Café du Sel in der sandingen Luft der Promenade von Marseille. Alle paar Minuten mussten sie die Zigarettenschachteln festhalten, damit der Mistral sie nicht verschleppte und ihnen wegrauchte, still und ohne Eile, in seiner Wolke oder seinem Wunderhorn oder wo auch immer Winde wohnten. Aber das war damals in der glücklichen Zeit, in der gemeinsamen Zeit. Während der Jahre in Lille, war Onur mit Asan nur ein einziges Mal hier am Pferdekarussel gewesen, am ersten Tag in der neuen Stadt. Jetzt standen die Schimmel still und ein Schild hing an einem der Holzohren: Außer Betrieb. Ihr Pferd sah noch aus wie vor zehn Jahren. Die türkisen Sattel der Holzschimmel leuchteten noch genauso, wie Onur es in Erinnerung hatte. Vielleicht waren sie restauriert worden, in einem letzten Wiederbelebungsversuch, bevor die Stadt den Betrieb endgültig eingestellt hatte.
Ein letzter Brief. Sie antwortete nie und würde niemals antworten. Wieso sollte sie auch? Sie hatte ihr Leben: einen Mann – das wusste er –, Kinder? – das wusste er nicht. Aber warum sollte sie keine haben?
Der Pastis schmeckte bitter. Das Wasser hier war weniger süß. Im Süden reifte es in der Sonne wie die Tomaten. Deshalb roch alles so süß in Marseille und in Lille so bitter.
Aber es hatte schließlich offiziell sein müssen. „Denk an die Eltern“, hatte Asan gesagt, „für uns ändert sich nichts.“ Und sie küsste Onur auf die Seite des geschlossenen Mundes und öffnete den Reisverschluss seines Rucksacks und zog daraus den schwarzen Filzstift, mit dem er manchmal zeichnete und schrieb auf den Hals des Ringelspielpferdes ihre Namen, das Jahr und das Wort „official“. „Auf Spanisch klingt es nicht streng“, sagte sie und er nahm ihr den Stift aus der Hand und zeichnete ein Herz dazu. „Es ändert sich nichts“, sagte sie und bohrte ihm die Finger ins Haar und grub seinen Kopf um.
Onur klappte das Notizbuch mit dem unfertigen Brief zu und legte die Füllfeder daneben. Die Eiswürfel schmolzen in den Pastis. Jetzt knackten sie schon nicht mehr.

Foto: Karusselpferd mit türkisem Sattel.