Robert

Eigentlich weiß ich ja kaum etwas von ihm. Von Robert. Er heißt ja nicht einmal so. Es wäre schon ein ungeheurer Zufall, wenn er so hieße. Alles, was ich über Robert weiß, ist hochgerechnet. Von seinem Bart habe ich auf seinen Namen geschlossen; von seiner Adidas-Jacke auf die Einrichtung seiner Wohnung; von seinem eigentümlichen Verhalten auf seinen Beruf.
Dies und das weiß ich aber schon. Hätte ich aufmerksamer beobachtet, mag sein, ich wüsste noch etwas mehr. Mich verbindet mit Robert die Starrheit des Tagesblaufs. Jeden Nachmittag setze ich mich in ein Café in einer Seitengasse der Mariahilferstraße, trinke eine Melange und blättere die Zeitungen durch. Zur selben Zeit, nämlich um Punkt drei Uhr, verlässt Robert das Haus. Womöglich habe ich es deshalb solange nicht bemerkt, weil ich zu dieser Zeit eben immer damit befasst bin, meine Garderobe abzulegen und mich einigermaßen auf meinem Stammplatz einzurichten, der, ohne dass ich es extra sagen müsste, für mich freigehalten wird. Einrichten heißt: die Zeitungen ausbreiten, das Plätzchen für den Kaffee vorbereiten, mir die Gesichter besehen, mit denen ich die Stunde verbringen werde. Das alles würde erklären, warum ich Robert so lange nicht bemerkte, obwohl ich ihn ja wenigstens beim Zurückkommen hätte sehen müssen, aber da muss es wiederum so gewesen sein, dass ich in meine Zeitungen vertieft dasaß, und nicht wahrnahm, was sich auf der Straße vorm Café abspielte. Zumal es ja für sich genommen nichts Außergeöhnliches war – nichts, das von sich aus irgendeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Es war eben nur ein Bärtiger, der mit einem Eis ging. Vanille, das weiß ich jetzt. Aufsehenerregend macht den Vorgang einzig die Regelmäßigkeit. Seltsam, nicht?, wie Wiederholung etwas Belangloses zum Faszinosum befördert?
Eines Tages beugte sich meine Sitznachbarin zu mir herüber. Sonst wäre ich wohl noch heute ahnungslos, also in dem Sinne, dass ich von Robert, der dann auch keinen Namen hätte, nichts wüsste – nicht das Geringste. Jedenfalls sagte die Nachbarin, eine junge Studenin … Was sagte sie noch einmal?
„Sie sind immer da?“ Das hat sie zuerst gefragt, oder etwas dieser Art.
„Nur von drei bis vier“, antwortete ich.
„Sehen Sie diesen Mann?“ fragte sie.
Es ging mir ehrlich gestanden ein bisschen auf die Nerven, ihr Gefrage. Ich wollte ja nur meine Zeitung lesen, wusste nicht, was mir entging, wenn man das überhaupt so sagen kann. Nun ja. Ich sagte also:
„Den mit dem Bart?“
Und sie antwortete: „Der ist wie Sie.“
„Ich muss schon bitten“, sagte ich, und wenn ich mich recht erinnere, klopfte ich auf den Tisch. Nicht fest, aber doch mit genug Wucht, dass der Kaffee schepperte.
„Ich meine nur“, sagte die Nachbarin und schob das Tablett, das sich von meinem Klopfen verschoben hatte, zurück an seinen Platz. „Der macht auch jeden Tag dasselbe.“
Ich gestehe, dass ich jetzt schon neugierig geworden war. Natürlich war er nicht wie ich, das war ja ein junger Bursche, im Alter der Studentin. Vielleicht hatte sie ihn deshalb eher bemerkt als ich. Die beiden waren sich in vielem ähnlich. Das waren beide solche, die Hauben trugen, weil sie fanden, dass sie damit besser aussahen.
„Was macht er denn?“ fragte ich.
„Um drei verlässt er das Haus“, sagte sie. „Er geht auf die Mariahilferstraße und holt sich ein Vanilleeis. Ich glaube, es ist Vanille. Und dann geht er damit nach Hause. Immer wenn ich um die Zeit hier bin, sehe ich ihn. Auch wenn es schneit. Der macht das jeden Tag. Glauben Sie, er bringt es jemandem?“
Ich hätte ihr die Geschichte normalerweise gar nicht abgenommen, aber es war gerade Winter und wenn man darüber nachdachte, war es allein schon seltsam, überhaupt im Winter ein Eis zu holen. Die meisten Eissalons hatten im Winter nicht einmal offen. Und wer sich einmal eigenartig verhält … Trotzdem winkte ich ab, murmelte irgendetwas von meinen Zeitungen. Meine Nachbarin sah ein bisschen enttäuscht aus. Ich vermute, dass sie sich von mir Auskunft oder zumindest beobachterische Komplizenschaft erhofft hatte. Schließlich war ich, in ihren Worten, „wie er“.
Übrigens ist es sicher Vanille. Es hat nämlich nur ein Eissalon offen, und ich habe die Eissorten begutachtet und festgestellt, dass keine andere dieselbe Farbe wie Vanille hat. Eierlikör kommt nahe, ist aber von dunklen Schlieren durchzogen, die man zumindest an manchen Tagen hätte sehen müssen. Vanille also. Was sagt das über Robert aus? Es lässt auf eine gewisse Fantasielosigkeit schließen. Obwohl es sich womöglich nicht um die eigene Fantasielosigkeit handelt. Es ist nachvollziehbar, dass die Studentin vermutete, er bringe das Eis jemand anderem. Er schleckte ja nicht. Nie schleckte er. Warum nicht? Mehrere Gründe waren denkbar: Vielleicht gab es ein Ritual, ein Schleckritual, das er durchzuführen pflegte, eine Schleckmeditation. So etwas gibt es, ich habe es recherchiert. Oder er lässt es lieber ein wenig zerinnen, bevor er lutscht; so ein Eis ist doch recht kalt, besonders im Herbst oder Winter. Vielleicht isst er es gar nicht und es hat einen ganz anderen Zweck: Er wirft es in den Nachbarhof, er wirft es auf den Balkon unter sich. Davon glaube ich übrigens nichts. Ich denke es mir ganz anders.
Er lebt allein. Die Wohnung ist zu groß für ihn, vier Zimmer. Robert arbeitet zuhause, sein Schreibtisch ist aus Glas und hat metallene Beine, hohe metallene Beine. Robert sitzt nämlich nicht daran, sondern steht beim Arbeiten. Was genau er arbeitet, kann ich mir nicht vorstellen. Etwas Kreatives wohl, aber anwendungsorientiert – er schreibt: „Texter“ nennt man das heute, hat man mir gesagt. Das Eis isst er im Sitzen. Ohne Eis erlaubt er sich das Sitzen nicht. Das ist meine Theorie. Er setzt sich also an den Küchentisch. Das Radio läuft, aber er hört gar nicht hin, sondern schleckt nur sein Eis. Dabei streckt er die Zunge aus und dreht das Eis darüber. Zieht sie ein, streckt sie aus, dreht, zieht sie ein. Ich stelle mir vor, dass ihm die Vanille den Bart verschmiert, das Eis ist ja weich, ganz angeschmolzen. Es rinnt ihm auch über die Finger, über die Brust, aber das stört ihn nicht, er lässt es rinnen. Er genießt es sogar. Am Ende steckt er die Zunge in die Waffel und leckt sie aus, sodass sie aufweicht, aber nicht bricht. Dann wirft er sie ins Klo und geht duschen.
Es könnte ganz anders sein. Ich habe der Studentin am Nebentisch einmal meine Theorie erzählt – sie kommt gar nicht selten, nicht so oft wie ich, aber ganz und gar nicht selten. Sie sagt mir, dass sie sogar noch öfter kommt, aber eben nicht immer zwischen drei und vier. Das kann stimmen oder nicht. Jedenfalls lachte sie bei meiner Theorie, sagte, ich sei eben alt und versaut.
„Wie genau Sie sich das überlegt haben“, hat sie gesagt. „Geben Sie’s zu, ein bisschen gesabbert haben Sie schon, wie Sie sich das mit dem Waffelauslecken vorgestellt haben.“
Da habe ich wieder auf den Tisch geklopft – was hätte ich anderes tun sollen? – und dieses Mal ist der Kaffee davon auf den Boden gesprungen und alle im Café haben sich nach mir umgedreht.
Am nächsten Tag wäre ich fast nicht mehr gegangen, aus Scham, aber dann bin ich doch. Es waren andere Leute dort und der Vorfall vergessen. Übrigens habe ich jetzt manchmal das Gefühl, dass Robert mir beim Vorbeigehen zulächelt, nur am Rückweg, wenn er sein Eis hält. Ich frage mich, was er sich über mich denkt.

Wie das Wort Unten singen

Es käme mir ganz falsch vor, es tief zu singen; tief aus der Brust, von unten her. Wie in den selbstgemachten Musikvideos auf Youtube, erschiene mir das, wo beim Wort Ballon ein Heißluftballon gezeigt wird, im Adobe-Himmel, beim Wort Liebe ein Paar, das sich hinter den Ohren krault, und beim Wort Angst ein dunkler Raum, dessen Tür sich langsam schließt.
Also müsste ich es hoch singen, schrill wie ein Stahlbohrer: „Unten!“ – Kontrast, Gegensatz und so weiter. Aber das folgte demselben Prinzip. Nur zeigte das Musik-Video dann eben beim Wort Stein ein Stück Watte und beim Wort Hass zwei Murmeltiere, die ihre Schnauzen aneinander reiben, beim Wort Auto eine verschimmelte Tomate.
Man müsste das Wort Unten in der Melodie verstecken, sodass niemand auf die Idee käme, es gäbe einen Zusammenhang zwischen Musik und Text. Dann dächte man allerdings: Da versucht jemand, das Problem zu verdecken, löscht es feig aus: Da weiß jemand nicht, wie das Wort Unten singen.

Stadtspaziergang

Von weitem hielt ich es für eine verwundete Taube. Blut hatte das Gefieder verklebt und schwarz gefärbt; die Flügel waren unnatürlich gestellt, bildeten ein deformiertes Zelt, das Kopf, Glieder, Schwanz verbarg. Der Vogel, also was ich dafür nahm, schleppte sich über den Asphalt, zum Straßenrand. Beim Näherkommen war es nur ein Müllsack. Wind hatte ihn aufgebläht und zu einer Kugel geformt, wälzte ihn den Bordstein entlang. Trotzdem machte ich um das „Tier“ einen Bogen, als lauerte unter der Plastikhaut noch die sterbende Kreatur.

Die Zeichnerin

sperrte man in einen dunklen Raum. Das einzige Licht kam durch den Spalt unter der Tür. Bis auf ein Bett und ein Schreibpult mit Stuhl war das Zimmer leer.
Jeden Morgen, falls es ein Morgen war, ging das Licht im Spalt an, und jeden Abend, falls es ein Abend war, erlosch es. Mit dem Wasser, dass ihr durch eine Klappe geschoben wurde, gab man ihr Zeichenblätter und Bleistifte. An einigen Tagen erhielt sie auch Brot und Käse. Es gab Wochen, da aß sie täglich, in anderen gar nicht. Um sich zu beschäftigen, zeichnete sie. Unbeholfen, weil im Dunkeln die eigenen Linien verschwommen. Das Licht war so schwach, dass sie nie wusste, ob die Zeichnung gelungen war. Trotzdem schob sie die Bilder unter der Tür hinaus.
So ging es lange. Die Tage zählte sie nicht, falls es Tage waren.
Ihre Nägel rollten sich ein, sodass sie die Bleistifte zum Zeichnen zwischen die Knöchel der Finger klemmte, ihr Haar verfilzte und die Kopfhaut eiterte und brannte. Immer öfter zeichnete sie jetzt sich selbst. Aber je mehr der Blätter, die sie durch den Spalt schob, ihren krummen über dem Pult hängenden Körper zeigten, oder wie er zu einem Filzknäuel eingerollt auf dem Bett lag, desto weniger gab man ihr zu essen.
Aus Sehnsucht oder Berechnung, beide vermischten sich wie Honig und Schwarztee, zeichnete sie schöne Dinge: Eichen, Birken und Tannen, Karnickel und Spatzen, Ballettänzer, Kinder beim Seilspringen. Man gab ihr wieder öfters Brot, manchmal auch Käse und hier und da, vielleicht weil eine Zeichnung besonders gestrahlt hatte, frische Früchte, Weintrauben oder einen Pfirsich.
Kaum war sie zu Kräften gekommen, ließ man sie frei, falls es Freiheit war.

Bild

Dämmerungsgesicht

Die Promenade erinnerte an das Frühstücksbuffet meines Hotels. Stellen zum Verweilen – ein Einstieg ins Meer, eine Bank, eine mit Moos bewachsene Mauer – wechselten sich mit Promenadenstücken ab, auf denen der Blick in die Ferne schweifen musste, um nicht zu verhungern: zum halbdunklen Himmel, zum Sichelmond über dem violetten Meer. Es roch nach Salz und eine Möwe kreischte so schrill, dass ich in ihr den Oberkellner zu erkennen meinte, wie er das Personal anwies, Schinken nachzulegen.
Ich war vielleicht zehn Minuten spaziert, da weitete sich der Weg und bildete ein Plätzchen. Auf der einen Seite führte eine Treppe mit gusseisernem Geländer ins Meer, auf der anderen war ein übermenschengroßes Gesicht in die Wand gehauen. Der Stein war vom kristallisierten Salz weiß und die Witterung hatte die Gesichtszüge angefressen. Die Nase war abgeschlagen, die Augenbrauen bröckelten, und statt Haar wuchsen Flechten und schwarzer Schimmel. Es mag einmal eine Fontäne gewesen sein, denn der Mund war spitz und etwas schimmerte darin. Auch die Pupillen waren runde Löcher, aber ohne Tiefe.
Eine Bank gab es nicht, also lehnte ich mich neben dem Gesicht an die Mauer und sah dorthin, wohin es vermutlich seit hundert Jahren blickte. Um diese Zeit war die Promenade belebt. Immer wieder gingen Badegäste an mir vorüber. Ein Pärchen in Abendgarderobe, Kinder, die Fangen spielten, ein Mann mit Pudel, eine Frau mit Schäferhund. Die meisten bemerkten mich gar nicht. Der Platz war beleuchtet, aber das Gesicht lag im Dunkel.
Bis eine Frau direkt auf das Gesicht zu ging und sich auf die freie Wandseite lehnte. Sie hatte dichtes Haar, das einmal schwarz gewesen sein musste und trug ein dunkelgrünes Sommerkleid. Das Kleid ging ihr bis über die Knie und flatterte im Wind.
Als eine Zeit lang niemand an uns vorbeiging sagte sie: „Das ist unser Engel der Geschichte.“ Sie sagte das auf deutsch, mit kroatischem Akzent, vielleicht sah man mir meine Herkunft an.
Weil ich nicht wusste, was sie damit meinte, sagte ich: „Sind Sie von hier?“ Mehr um zu zeigen, dass sie richtig geraten hatte.
„Trümmer sieht er keine“, sagte sie, „überhaupt sieht er nicht wie Sie oder ich.“ Sie sprach sorgfältig, in ernstem Ton und ohne mich anzusehen. Sah hinaus aufs Meer, den Blick immer etwas gesenkt, so wie das Gesicht, als stimme doch nicht ganz, was sie mir erzählte.
Sie sagte lange nichts und ich fragte: „Was sieht er?“
„Fünf Euro“, sagte die Frau.
Ich war nicht sicher, ob sie das Geld als Bezahlung haben wollte, oder meine Frage damit beantwortet war. Auch jetzt sah sie mich nicht an, sondern stierte die Blicklinie des Gesichts entlang. Die fünf Euro hätte ich ihr für die Antwort gegeben, aber ich wollte nicht riskieren, mich zu blamieren, falls ich die Antwort schon erhalten hatte. Also nickte ich – halb dankbar, halb abgeklärt – ließ noch einen Dackel passieren und einen Fischer, der einen Eimer Sardinen auf der Schulter balancierte. Eine sprang heraus und zappelte minutenlang auf dem Stein.
Am nächsten Tag spazierte ich zur gleichen Zeit die Promenade entlang, um zu sehen, ob die Frau auch diesen Abend da sein würde. Ich hatte einen Fünfer gefaltet und in meine Brusttasche gesteckt. Er schimmerte grünlich durch den weißen Stoff. Ich hoffte, die Frau würde den Schein bemerken und ihr Angebot, falls es eines war, daraufhin wiederholen. Aber als ich an die Stelle kam, wo ich neben dem Gesicht gestanden hatte, fand ich nicht die Frau und nicht einmal das Gesicht – nur eine Bank und eine Büste von Kaiser Franz Josef.

Foto: Verwittertes Gesicht aus Stein.