Edward Hopper

Auf den ersten Blick scheinen die Bilder harmlos, geradezu harmonisch.
Doch irgendwo gibt es immer Unstimmigkeiten, durch die die Brüche der
Gesellschaft spürbar werden. Sie legen die Gewaltanstrengung offen,
die notwendig ist, um ihre Ordnung aufrecht zu erhalten . Diese Gewalt
ist in den Bildern immer fühlbar und wird doch niemals direkt
dargestellt.

Irgendein Motelzimmer irgendwo in Amerika. Darin einige Koffer und
eine Frau, die auf der Bettkante sitzt. Dahinter ein Auto. Die Frau
scheint geradezu angestrengt dem/der BetrachterIn in die Augen zu
sehen. Sie posiert und wartet – mehr Foto als Bild. Eine letzte
Erinnerung an diesen Ort, dann kann die Reise weitergehen. Und zwar
mit dem Auto im Hintergrund. Dieses Auto, das sich ins Bild schleicht,
ist Symbol und Namensgeber jener Phase kapitalistischer
Vergesellschaftung, in der dieses Bild entstand – dem Fordismus. Das
parallel versetzte Erscheinen von Auto und Frau drückt ein analogisches
Verhältnis zwischen den Brüsten der Frau und den Scheinwerfern des
Autos aus. Der Mensch wird zum Objekt seiner selbst geschaffenen Welt.

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Wir erhaschen einen voyeuristischen Blick in das innere eines
großbürgerlichen Haushaltes. In allen Details ist das Wohnzimmer zu
erkennen. Der Hintergrund – vielleicht eine Parkanlage – ist dagegen
erstaunlich unscharf. Das ganze als ein Abbild des Bürgertums: Der Schein
muss stimmen, nach außen alles perfekt sein. Das Dahinter ist unwichtig,
wird versteckt und unscharf gemacht. Der/Die BetrachterIn kann und muß
geradezu vermuten, dass rechts der Fensterreihe etwas passiert, das nicht
gezeigt werden soll, dass dort die Leichen der Familie liegen.

Der Titel “August in the City” erinnert an William Faulkners bahnbrechenden
Roman „Light in August“ von 1932. Ein in vielerlei Hinsicht, nicht nur für die
amerikanische Literatur, einflussreicher Roman. Er handelt von Rassismus,
Entfremdung und – heute würde man sagen – „teenage angst“ im ruralen
Süden Amerikas. Das Bild Hoppers könnte als eine Erweiterung dieses
Romans gesehen werden. Die Probleme des Südens – Rassismus,
Antisemitismus, religiöser Fanatismus – stellen sich nicht nur als Überbleibsel
einer längst vergangenen Zeit dar, sondern als mit dem Kapitalismus zutiefst
verbunden. Sie erscheinen als Problem noch in der aufgeklärten Stadt. Nur
werden sie, falls überhaupt, hinter der schönen Fassade versteckt.

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Im Zentrum eine nackte, rauchende Frau, die vor einem offenen Fenster steht
und von der Sonne angeleuchtet wird. Wieder scheint auf den ersten Blick das
Verstörende des Bildes nicht ersichtlich, doch hier stimmt einiges nicht: Die
Frau ist sehr genau gezeichnet. Ihre Haut in Dutzenden Farbtönen dargestellt,
die Muskeln und Sehnen sehr genau erkennbar. Der Schatten der Beine ist
dagegen nur rudimentär gezeichnet. Zwei gerade Flächen, ohne Form, ohne
nichts. Die Schuhe der Frau finden sich unter dem Bett, einer steht und einer
liegt. Von den restlichen Kleidern ist allerdings nichts zu sehen. Wieso nicht?
Irgendetwas stimmt hier nicht.

Die Lichtquelle durch das offene Fenster scheint nicht die einzige Lichtquelle in
dem Bild zu sein. Im Hintergrund werden die Hügel angestrahlt, offensichtlich
von der Sonne, die schon die Frau erhellt. So weit so gut. Unbehagen stellt sich
allerdings ein, wenn die weiteren leuchtenden Stellen des Bilds betrachtet
werden. Zuerst das Fensterbrett: Mit viel gutem Willen könnte die selbe
Lichtquelle wie bisher angenommen werden. Allerdings nicht wirklich, die Optik
wirkt schief und unnatürlich. Der obere Teil des Vorhangs: aber kann einfach
nicht von derselben Sonne beleuchtet werden, die die Frau und den Hügel
beleuchtet. Irgendwas stimmt an der Situation einfach nicht, wirkt beunruhigend,
unbehaglich.

Auch an der Frau selbst. Nur ein Arm der Frau ist sichtbar. Bei genauerer
Betrachtung merken wir, dass sie ein bischen verdreht da steht und dazu noch
ihre linke Körperhälfte nach vorne drückt. Wir fragen uns, ob es wirklich möglich ist,
rein gar nichts von dem Arm zu sehen oder ob wir einem perspektivischen Trick
des Künstlers aufsitzen. Und vielleicht ist der Arm eben einfach nur vom Körper der
Frau verdeckt. Aber was wenn die Frau gar keinen zweiten Arm hat? Sie ist das
beschädigte Individuum der spätkapitalistischen Zeit. Die physische Verstümmelung
als Darstellung der psychischen. Was bleibt ist ein zutiefst verstörendes Bild, voll
Unbehagen und Deformation.

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