König Ödipus

Die Schicksalssprüche in Sophokles Drama Oidipous tyrannos erfüllten sich nur, weil alle, über die sie verhängt wurden, ihnen zu entrinnen suchten. Dem göttlichen Spruch kann also nicht entkommen werden – oder hat er nur Macht, solange er geglaubt wird? Wäre das Urteil ignoriert worden, hätte dann nicht Ödipus niemals seinen eigenen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet? Diese Frevel beging er schließlich nur, weil er seine Eltern nicht kannte. Die Auflehnung gegen die Götter musste sich als hilflos entpuppen. Wird der Götterspruch geglaubt, muss jedes Sich-Wehren scheitern – würde er wahrlich nicht geglaubt, müßte schon der Versuch sich zu widersetzen ausbleiben. Warum versuchen das Unabwendbare abzuwenden? Warum sich ängstigen vor harmloser Fantasie?

Mir scheint es aber eher so, dass in dem Widerstand gegen ein vermeintlich schicksalhaftes Verdikt, doch einiges an Auflehnung gegen die Götter steckt. Jedenfalls mehr, als darin, sich einfach im Denken zu beruhigen. Der Trotz gegen das Unvermeidbare, hebt schon die Unvermeidbarkeit auf. Das beschwichtigende Denken ist dagegen verlogene Ideologie. Die Fantasie ist nämlich niemals harmlos und wer sich darüber beruhigt, beruhigt sich ohne Grund. Das Unbehagen ist berechtigt und die Enge der Behaglichkeit, noch im Denken, abscheulich. Wer heute König Ödipus liest wird am Ende hoffentlich nicht erleichtert sein, sondern wütend, dass alles wieder seine Ordnung hat. Vielleicht, zumindest zum Teil, war das auch schon im 5. Jahrhundert so.

Ein Gedanke zu “König Ödipus

  1. Hey Sam,

    Trotziger Widerstand gegen das Schicksal ist aber was anderes als planvolle Änderung der Verhältnisse. Solange sie bestehen, muss man durchaus nach den Regeln spielen und setzt diese nicht schon dadurch außer Kraft, dass man sich weigert, sie anzuerkennen. Vielmehr ist die Anerkennung der Verhältnisse Voraussetzung für deren Überwindung. Trotz gefällt sich im Dagegen sein, macht sich aber gerade nicht die Arbeit der Abschaffung. Insofern ist die Gegenüberstellung von Trotz und Beschwichtigung keine sinnvolle.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s