Antigone

„Die Herrschaft des Gesetzes, ganz gleich wie beschränkt, ist immer noch unendlich sicherer als eine Herrschaft über dem Gesetz oder ohne Gesetz.“ – Herbert Marcuse

Die Rollen die Antigone, der Tochter des Ödipus, zugeschrieben werden sind vielfältig: Trotzige Kämpferin gegen die Staatsmacht, Vorreiterin feministischer Geschlechtergleichstellung. Kurz: Das subversive Element im antiken Theben. Aber treffen diese Interpretationen wirklich zu? Kann die Stellung, die der Heldin zukommt, nicht auch ganz anders verstanden werden?

Walter Benjamin behandelt in einem Text den Unterschied zwischen Naturrecht und positivem Recht. Die zwei Hauptkategorien seiner Analyse sind Mittel und Zweck und mit diesen Kategorien macht er auch den Unterschied der beiden Rechtsauffassungen klar: „Das Naturrecht strebt, durch die Gerechtigkeit der Zwecke die Mittel zu rechtfertigen, das positive Recht durch die Berechtigung der Mittel die Gerechtigkeit der Zwecke zu garantieren.“

In unserem Drama steht Kreon, Antigones Onkel und Herrscher von Theben, für das positive Recht. Polyneikes, Antigones Bruder, hat das Stadtrecht verletzt und muss bestraft werden. Da er schon tot ist, wird ihm die Beerdigung verweigert. Die Verweigerung ist das (gerechtfertigte?) Mittel zur Garantie des Zwecks, der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in der Stadt. Antigone steht dagegen für das Naturrecht: Um ihrem Bruder Gerechtigkeit zukommen zu lassen, sind ihr alle Mittel recht, auch der Rechtsbruch des Stadtrechts. Der Zweck rechtfertigt die Mittel.

Aus dieser Perspektive ist Antigone jedoch keineswegs ein subversives Element, sondern ein Überbleibsel aus vorrechtlichen – barbarischen – Zeiten. Sie steht für eine göttliche Rechtsordnung und nicht für eine menschliche, für eine tribalistische kinship-Gesellschaft, in der Verwandtschaftsverhältnisse mehr zählen als bürgerliche Rechtsformen, für eine Gesellschaft in der die männliche Ehre, auf die sich Kreon allerdings, wenn auch negativ, ebenfalls beruft, die wichtigste Kategorie des Zusammenlebens ist.

Auch müsste ihre Rolle als feministische Vorkämpferin hinterfragt werden: Nicht für sich kämpft sie, sondern für die Ehre ihres Bruders; nicht für ein Recht, in dem Frauen zumindest theoretisch die Chance auf Gleichheit hätten, kämpft sie, sondern für das noch patriarchalere Verwandtschaftssystem. Und wenn sie doch nur verheiratet wäre, könnte sie beruhigt sterben, klagt Antigone ihrem Tod entgegen schauend.

Antigone ist so nicht mehr die aufgeklärte Tochter aus gutem Hause, sondern Verteidigerin einer archaischen Gesellschaftsordnung, die noch einmal versucht, sich gegen ihre Entmachtung zu wehren.

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