Georges Seurat

In seinem Aufsatz Das Ornament der Masse beschreibt Siegfried Kracauer die Tillergirls, eine amerikanische Revuegruppe. Die Tanzenden hören im Tanz auf einzelne Mädchen zu sein, ihre isolierten Bewegungen werden zu mathematischen Demonstrationen. Das Gesamtbild, das sie erzeugen, entzieht sich ihnen selbst, sie gehen darin nicht ein. „Gingen sie in die Veranstaltung ein, so ginge das Ornament nicht über sie hinweg. Es wäre eine farbige Komposition, die nicht zu Ende berechnet werden könnte, da ihre Spitzen sich wie die Zinken eines Rechens in die seelischen Zwischenschichten einsenkten, von denen ein Rest noch bliebe.” An diese Stelle musste ich spontan denken, als ich das Bild Can-Can von Georges Seurat zum ersten Mal entdeckte.

Im Inhalt verdoppelt Seurat noch die Technik. Schon im Pointillismus selbst werden die einzelnen gemalten Grundeinheiten in mathematischer Genauigkeit so zueinander angeordnet, dass ein bestimmter Eindruck im Ganzen erzeugt wird. Doch noch einmal im Motiv formieren sich die Tänzerinnen und Tänzer zu einer Figur. Ihre Beine in der Luft fliegen schon für sich allein, selbst von den Körpern noch abgelöst, die sie werfen. Zu diesem Spektakel der einstimmigen Zerrissenheit klingt die Musik und die Menge gafft gebannt auf den Glanz, der alles umhüllt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s