Oknos

Der Zauderer Oknos wurde dazu veruteilt, den Rest seines Daseins im Tartaros zu fristen und ein Seil aus Binsen zu flechten. Nur wird das Seil nicht immer länger und länger, weil an seinem anderen Ende ein namenloser Esel das Seil verzehrt und verzehrt; „Mit dumm allwissender Tücke”, wie Adorno in den Reflexionen zur Klassentheorie anmerkt. Das ist der „blinde Fortgang der Zeit”, in dem alles noch Vorgeschichte ist.

Camus greift – im selben Jahr 1942 – zu einem anderen Bild und nennt seinen „Essai sur l’absurde” Le Mythe de Sisyphe. Oknos flicht und flicht und Sisyphos rollt und rollt den Stein den Berg hinauf nur um ihn wieder und wieder herabrollen zu sehen. Dieser Sisyphos bei Camus ist aber glücklich, das Absurde seiner Situation ist das einzige, was überhaupt besteht. Doch nur nachdem der Stein gerade herabgerollt ist und Sisyphos den Berg hinunter geht, um sein Werk von neuem zu beginnen, wird ihm die Absurdität und Sinnlosigkeit seiner Situation bewusst. Und trotzdem geht er noch einmal daran, den Stein bergan zu stemmen.

Die beiden mythologischen Bilder unterscheiden sich: Das Flechten des Seils ist eine kontinuierliche, ununterbrochene Tätigkeit. Sie ist immer gleich und dauert ohne Pause fort, denn der Esel ist niemals satt. Der Stein des Sisyphos aber wird hinaufgerollt, um dann wieder abwärts zu rollen. Dieser Vorgang ist strukturiert in Spannung und Entspannung. Darin deutet sich das Verhältnis von Arbeit und Freizeit an, das Auseinanderfallen der Dinge, die eigentlich zusammengehören. Das Bergabschlendern des Sisyphos, nur um wieder sein Tagwerk zu beginnen, ist ganz Reproduktion seiner Arbeitskraft.

Auch ist es in der einen Geschichte der Esel, also ein einzelnes Wesen, das Oknos Arbeit immer wieder zunichte macht. Bei Sisyphos ist es der Berg, also die erstarrte und unhintergehbare Natur. Aus diesen Gründen hat wohl die „Sysphosarbeit” die Redewendung „Das Seil des Oknos knüpfen” abgelöst – sie ist den Zwängen der modernen kapitalistischen Gesellschaft angemessener, in der der dumme Esel nirgends mehr zu entdecken ist, sondern vielmehr der „stumme Zwang der Verhältnisse”, das „kalte Elend der freien Lohnarbeit”, sich wie ein Berg erstarrter zweiter Natur auftürmt und jede Tätigkeit so absurd erscheinen lässt, wie sie es unter diesen Bedingungen ja auch ist.

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