Resignation

1969 veröffentlicht Adorno einen kleinen Text, der sich mit dem Vorwurf befasst, die Kritische Theorie würde der Praxis entsagen. Sie würde resignieren und damit in die gegenwärtigen Zustände einwilligen. In diesem Text fallen die bekannten Worte “Wer denkt, […] ist nicht wütend”, die meistens in dieser entstellten Form zitiert werden. Der ganze Satz lautet wie folgt: “Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert.”

Auch vollständig zitiert, könnte diese Stelle als einfache Absage an die Wut verstanden werden – als “Wer wütend ist, denkt nicht”. Vielleicht legt das auch der restliche Inhalt des Textes nahe, der schließlich verteidigt, sich der Praxis zu enthalten. Nur argumentiert Adorno eigentlich, dass “der kompromißlos kritisch Denkende, der weder sein Bewußtsein überschreibt noch zum Handeln sich terrorisieren läßt, in Wahrheit der [ist], der nicht abläßt.” Auch behandelt der ganze Absatz vor dem vielzitierten Satz das Denken und nicht die Wut.

Die Vermutung liegt also nahe, dass auch in diesem nicht die Wut, sondern das Denken beschrieben werden soll. Dafür spricht auch der verwendete Begriff der Sublimierung. Bei der Sublimierung verschwindet die Regung nicht einfach, sie nimmt nur eine andere Form an – gelangt auf einem anderen, meist gesellschaftlich akzeptierteren Weg zur Befriedigung. Zur Wut über die Verhältnisse gibt es genug Grund und wer sich nicht darüber erbost, hat wirklich resigniert. Nur wäre es doch wünschenswert, wenn diese Wut das Denken vorantreibt und sich nicht mit kollektiven Praxen abspeisen lässt, die dazu dienen, die eigene Ohnmacht vergessen zu lassen. Denken ist sublimierte Wut.

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