René Magritte

Das Aufkommen abstrakter Malerei wird immer wieder an einem technischen Fortschritt festgemacht: Jahrhunderte lang war dasjenige Kunstwerk das schönste, welches die Wirklichkeit am genauesten abbilden konnte. Je exakter desto besser. Erkenntnisse der Perspektive und der Lichtdarstellung waren die Werkzeuge jenes Fortschritts. Doch dann kam die Fotographie und so sehr die Künstler_innen sich auch anstrengen mochten, eine Fotographie konnte ihre Malerei niemals an Genauigkeit übertreffen. Sie suchten dann den Ausweg in der abstrakten Malerei.

Eine zweite Entwicklung wird allerdings häufig zu wenig bis gar nicht berücksichtigt. Die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie und die damit verbunde Ideologie- und Fetischkritik machten deutlich, wie sehr die wahren Zusammenhänge kapitalistischer Vergesellschaftung vom „gesellschaftlich notwendigen Schein“ verstellt sind.

Diese Erkenntnis hat auch Auswirkungen auf die Kunst. Welchen Sinn macht es eine kompromittierte Wirklichkeit darzustellen, wenn die wahren Verhältnisse abstrakt darunter liegen? Wäre dann ein Kunstwerk, das einen Wahrheitsanspruch stellt, nicht jenes, welches eben nicht die wahrnehmbare Wirklichkeit so genau wie möglich abbildet, sondern jenes, welches versucht den ideologischen Schein zu durchbrechen? Und eignet sich abstrakte Malerei nicht besser zur Abbildung abstrakter Herrschaftsverhältnisse als gegenständliche?

René Magritte stellt sich dieser Aufgabe in seinen Bildern, allerdings nicht auf abstrakter Ebene, sondern wiederum auf gegenständlicher. Er hat aber seine Lektion gelernt. Kein Zurück, sondern eine Weiterentwicklung gegenständlicher Malerei, unter Aufnahme der Kritik der abstrakten Kunst, ist sein Programm. Immer wieder versucht er, epistemologische Probleme darzustellen. Auch wenn er selbst wohl ein Faible für strukturalistische Erkenntniskritik gehabt haben dürfte und sicherlich viele Interpretationen diesen Umstand aufgreifen – es sei nur an sein „ceci n’est pas une pipe“-Bild erinnert – finden sich auch interessantere Versuche, wie z.B. sein Bild „La clairvoyance“ von 1936.

Mal abgesehen vom Witz dieses Bildes, ist es genau der Versuch, eine ideologische Welt auf der Leinwand darzustellen. Wenn eine Künstlerin einen Gegenstand der Wirklichkeit darstellen will, braucht sie keinen realen Gegenstand als Vorlage, sondern versucht die gesellschaftlichen und historischen Voraussetzungen zu erkennen und darzustellen. Ein Versuch also, das ideologische Dickicht zu durchdringen. Genau daraus resultiert die Anziehungskraft vieler Bilder Magrittes.

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