Aspekte des Antiziganismus I

Kultur fordert Verzicht und gebietet Leistung. Zum einen fordert sie den Verzicht auf Ansprüche des Es. Die aggressiven nach außen gerichteten Sexualtriebe müssen unterdrückt oder in Kulturleistungen sublimiert werden. So werden sie vielfältig geformt, umgeleitet und gerichtet. Gleichzeitig gebietet Kultur das Gehorsam gegenüber dem Über-Ich; einer Instanz, die im Ursprung aus sozialer Angst (der Angst des Kindes vor Liebesentzug) und der Schuld ob des Verbrechens gegen das Gesetz, gegen den Urvater, hervorgegangen ist. Eigentlich gesellschaftliche Ansprüche werden so zu inneren transformiert und treten dann, zunächst als mächtige psychische Forderungen, dem Ich gegenüber. Aus dem Über-Ich mahnt das „du musst arbeiten” und das “du sollst nicht töten” versagt dem Es seine drängenden Wallungen.

Dem sowieso beschädigten, verstümmelten und hin und her gezerrten Ich gelingt der Umgang mit diesen übermächtigen Geboten und Triebansprüchen nur, indem diese zum Teil oder ganz ins Außen projeziert werden. Im Antisemitismus werden diese verinnerlichten Ansprüche pathisch auf Jüdinnen und Juden projiziert und dann dort wahnhaft bis zum Ärgsten bekämpft. Wie darin philosemitische Sehnsucht – nämlich die, den Ansprüchen genügen zu können – und vernichterischer Hass – auf die, die diese angeblich erst abverlangen – ineinander umschlagen, legt nahe, dass die für das antisemitische Ressentiment wesentlichen Komplexe im Über-Ich zu suchen sind.

Der Antiziganismus aber speist seine Macht aus dem Es. Als „Zigeuner” werden die gehasst und bewundert, denen unterstellt wird, das zu haben, worauf man verzichten musste: eins zu sein mit der Natur. In der philoziganistischen Variante wird dieser Neid begleitet von Bildern der Wildheit, Freiheit und Sorglosigkeit – des Feierns und Tanzens, der Orgie usw. Die antiziganistische Kehrseite unterstellt den so erlogenen dann, dass diese Sorglosigkeit auf Kosten der „ehrlich Arbeitenden” ginge, durch Diebstahl und Betrug nur möglich würde. Schlussendlich wird dann an denen, die so mit psychischer und physischer Gewalt zurechtgeprügelt wurden, der Trieb befriedigt: das „du sollst nicht töten” gilt nicht mehr im Bezug auf sie.

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