Tagträume

Ernst Bloch bemängelt, im Bezug auf seinen Begriff der konkreten Utopie, die Vernachlässigung der Tagträume in der Psychoanalyse. Während in der Traumdeutung dem Tagtraum tatsächlich wenig Bedeutung zukommt, wird er dagegen, in einer etwas späteren Schrift Freuds, sogar dem Nachttraum gleichgestellt. In der Dichter und das Phantasieren erkennt Freud im Tagtraum die Ersatzbefriedigung für das kindliche Spiel. Die Phantasie ist, wie der Nachttraum, Wunscherfüllung; allerdings von der Zensur bereits entstellt. Im üblichen Fall vom Realitätsprinzip in gesellschaftlich anerkannte Bahnen gelenkt, zeigt sie sich in Form der Tagträume von Geltung, Ehe und Erfolg. Sie ist die Sehnsucht nach dem als Kind Gehabten – anders gesagt, Benjamin folgend, Ausdruck der Erinnerung des Niegehabten.

Von dieser Bedeutung des Tagtraums in den Erzeugnissen der Massenkultur – also den Werken, denen Freud in seinem Aufsatz nachspürt und von denen gilt, dass sie „die zahlreichsten und eifrigsten Leser und Leserinnen finden” – geht Kracauer in seinen Überlegungen zum Ornament der Masse aus. Er behandelt sie als Oberflächenerscheinungen, in denen unbewusste Vorstellungen und Wünsche zum Ausdruck kommen. Darin begründet sich auch seine Sympathie für die kulturindustriellen Erzeugnisse, die über sich hinausweisen, und so ein Stück konkrete Utopie, also aus der Immanenz entspringende Utopie im besten Blochschen Sinn, enthalten.

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