Utopia

Während Odysseus noch gegen Götter und Göttinen, Ungeheuer und allerhand mythische Kräfte kämpft, sie mit seiner Klugheit überlistet und so ihren Einfluss bannt, heißt es in Thomas Morus‘ Utopia über solcherlei Gefahren nur noch trocken: „[…]an Scyllen und habgierigen Celänonen, an menschenfressenden Lästrigonen und dergleichen abscheulichen Ungetümen fehlt es fast nirgends in der Welt.“ Diese auf den ersten Blick spektakulären Gestalten findet er nur noch langweilig. Ihre Macht ist so geschwunden, dass ihre Existenz angstlos anerkannt werden kann.

Anderes interessiert ihn an den Erzählungen seines Reisenden Raphael Hythlodeus: ein „gar seltsames Ding”, „eine heilsame und weise Staatsverfassung.“ Nicht mehr die Natur, die über die Menschen herrscht, macht ihm zu schaffen, sondern die Frage, wieso die Menschen – obwohl ihnen Ungeheuer nichts mehr anhaben können – selbst sich zu Ungeheuern geraten sind. Nur diese Frage kann ihm so schon nicht mehr kommen, sie wird verdrängt durch das helle, falsche Bild der Insel Utopia und seiner ausgepinselten und schon deshalb schlechten „besten Staatsverfassung.“

Falls eine Utopie möglich ist, dann nur eine negative. Damit ist nicht die Dystopie gemeint, also die ausgemalte schreckliche Gesellschaft. Für sie würde genauso gelten, dass das, was dort als Grauen karikiert würde, nur wieder das wäre, das im Falschen schlecht erscheint. Sie kann dergestalt nur das falsche Gute kontrastieren und ihm so nicht entkommen, ja sie bekräftigt es noch: indem die Dystopie noch nicht ist, erscheint das Denken, das sie erfindet. halb so schlimm.

Vielmehr wäre zu fragen, ob eine bestimmte Negation des Zukünftigen möglich ist. Oder vielleicht nur die bestimmte Negation von Teilen des schlecht erhofften, so dass die Hoffnung dergestalt bestehen bleibt, dass sie das, was ist, als Lüge denunziert, noch in den Utopien.

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