Old Shatterhand

Zwei Banditinnen überraschen einen Reiter, der alleine durch den Wald reitet. Sie wissen nicht mit wem sie es zu tun haben, halten ihn für ein, ihnen hilflos ausgeliefertes, Greenhorn. Während sie so ihren Schabernack mit ihm treiben, bekommt die Leserin immer mehr Hinweise auf seine Identität, die ihr doch längst bekannt war. Sie wusste schon die ganze Zeit, dass es sich um Old Shatterhand handelt. Dennoch liest sie mit Vergnügen, weil sie die Anspielungen versteht und die beiden Hinterwäldlerinnen im Dunkeln tappen. Erkannten sie nicht das edle Tier, auf dem der Reiter angeritten war? Hatten sie nie von den legendären Gewehren gehört, die an der Satteltasche hingen? Doch der Roman-Held selbst lässt sich nichts anmerken, er spielt das Greenhorn, so als wolle er der Leserin die Vorfreude nicht vorenthalten, auf den Moment, an dem die beiden Taugenichtse erkennen würden an wen sie da geraten waren. Fast mischt sich Enttäuschung in die kathartische Entspannung ist dieser Augenblick schließlich gekommen.

Das Unterschätztwerden erlaubt die Identifikation. Das Gefühl nicht als die Heldin gesehen zu werden, für die man sich doch eigentlich, zumindest potentiell, hält, ist nicht nur dissoziativ, es enthält auch die Intuition von der Verstümmelung, die den Einzelnen in der versteinerten Maschinerie widerfährt. Deshalb erfreuen sich die fiktiven Heldinnen umso größerer Beliebtheit je kleiner sie zuerst erscheinen und als je größer sie sich schließlich entpuppen. Buffy, die unauffällige, sogar unbeliebte Schülerin, die in der Nacht, in der Welt der Wünsche, des Traumes und der Phantasie zum Slayer wird. Der kleine Harry Potter, der in seiner durchschnittlichen englischen Familie wie der letzte Dreck behandelt wird und es erträgt (ertrage das Elend!), um schließlich in der Welt der Magie zur Berühmtheit avanciert, mit mächtigen magischen Fähigkeiten ausgestattet, sich um die Probleme der Muggles nicht mehr scheren zu müssen. Und nicht zuletzt die Superheldinnen und -helden mit ihren diversen Tarnidentitäten. Weil sie sich verstecken, könnte jede eine sein – je unbedeutender, je unwichtiger, desto eher. Die großen Taten, die sie vollbringen, sollen darüber hinwegtrösten, dass die Einzelne, zur Unbedeutendheit atomisiert, davon nur träumen kann und dieser Traum genügen soll. Die Anfangs erwähnte Enttäuschung, die die Enttarnung begleitet, ist die Ahnung vom nicht eingelösten Versprechen die Einzelne würde einen Unterschied machen, die Ahnung von der eigenen Ohnmacht, der es sehenden Auges zu trotzen gilt.

Ein Gedanke zu “Old Shatterhand

  1. also ich fand buffy eigentlich immer deshalb gut, weil sie eben nicht diesen durchschnitt darstellte. zumindest bei den typen war sie nie unbeliebt, eher das mädchen von dem jeder etwas wollte und am schluss der 3. staffel wird sie von den schülern und schülerinnen für ihre verdienste geehrt. also unbeliebt ist buffy nicht, probleme hat sie öfters mit ihrer aufgabe als slayer, daraus zieht sie weniger ihre identität, sondern sieht es des öfteren als hemmschuh ihrer eigenen entwicklung.
    bzw: passt das auch nicht auf alle superhelden, batman fällt da für mich ganz raus.

    trotzdem stimmt es natürlich das alltägliche loser die dann in der nacht zum helden werden für den einzelnen der sich um diese rolle im echten leben betrogen fühlt, eine attraktive identifikation abgibt.

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