Hinter den Spiegel

In Call-Centern und anderen Stätten der planvollen Massendienstleistung werden die Arbeitenden Orwellsch motiviert. Sprüche schmücken die Wände, die den in ihren Kabinchen Eingepferchten das, was sie ohnehin tun müssen, noch als reizvoll anpreisen. Wenn der Deutsche wirklich – wie Adorno meint – jede Lüge glaubt, die er ausspricht, dann wird hier die Lüge nolens volens geglaubt, die von anderen ausgesprochen ward, spätestens sobald sie selbst einmal als Mantra auch nur gedacht.

“Wer erfolgreicher Gespräche führen will, sollte beim Telefonieren lächeln – ein Lächeln hört man auch.” Der ungebetene Ratschlag maskiert sich stets als Beschreibung, er adressiert nicht direkt, er stellt nur fest. Darin ist er der Herablassung in der Anrede mit der dritten Person verschwistert. Er gewinnt so etwas grausam Erzieherisches. Das derart behauptete macht sich selbst zur Tatsache und ist reiner Befehl. Heute ist die Königin, die ihrer Generälin nicht befiehlt zu fliegen wie ein Vogel, eine schlechte Unternehmerin.

Am Anfang des zweiten Teiles der Minima Moralia schlägt Adorno selbst diesen pädagogischen Ton an. Die kleinen Schreibtipps, -regeln, -vorschläge sollten mit dem Titel “Schreiben mit Adorno” oder “Kritisch Schreiben für Dummies” überschrieben sein. Sie würden sich auch gut an den Wänden der großen Verlagsbürohäuser machen, als Motivationshilfe. “Keine Verbesserung ist zu klein oder geringfügig, als daß man sie nicht durchführen sollte. Von hundert Änderungen mag jede einzelne läppisch und pedantisch erscheinen; zusammen können sie ein neues Niveau des Textes ausmachen.”

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