In vino responsabilitas

Die zweite Flasche Rotwein neigte sich ihrem Ende zu und die erste hatte ihre Wirkung schon zur Genüge entfaltet, als die beiden Frauen auf das Unbewusste zu sprechen kamen. Genauer gesagt, bemerkte die eine der beiden, eine Malerin, dass sich das ungewöhnliche Handeln ihrer Gesprächspartnerin viel besser verstehen ließe, wenn sich dahinter ein unausgesprochener, vielleicht eben gar nicht bewusster, Wunsch verstecken würde. Ihr Verdacht bestätigte sich – so ist das in der Psychoanalyse – als die darauf Hingewiesene heftig dementierte, also eben alle ihr zur Verfügung stehende Abwehr mobilisierte.

Ein Wunsch ist ja gerade verdrängt, weil er nicht zugelassen, nicht verantwortet werden kann. Sei es, weil er den eigenen tief verankerten moralischen Vorstellungen widerspricht oder – was wirklich nicht so verschieden ist – weil er der Erfüllung gesellschaftlicher Forderungen im Wege stünde. Doch das erklärt nur ungenügend die Heftigkeit des mobilisierten Widerstands. Der Wunsch wird deshalb so vehement geleugnet, weil die sich unschuldig Fühlende zugleich sich schuldig fühlt. Sie ahnt, dass sie für ihren Wunsch auch verantwortlich sein könnte, wenn er nur unbewusst ist, sonst würde es ja keine Schwierigkeit bereiten ihn als eben solchen zuzugeben. Ein unbewusster Wunsch bleibt ja – unorthodox, paradox – umso gründlicher verdrängt, je mehr er als schlicht intellektuelles Bekenntnis eingestanden wird.

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