Matthäus 19:30

In einer von Stanisław Lems Geschichten taucht eine tragisch komische Figur auf. Die aus deren Berichten konsequent gezogene Moral holt sie schließlich ein. Ein abenteuerlustiger Missionar verbringt schon eine ganze Weile damit, einem Völkchen von einfach – und auf einem abgelegenen Planeten – lebenden Bäuerinnen und Bauern, den katholischen Glauben näher zu bringen. Seine eifrigen Bemühungen zeitigen erste Erfolge und sein lauschfreudiges Publikum kann von den mitreißend vorgetragenen, seinen Angaben nach wahren, Erzählungen gar nicht genug kriegen. Die größte Begeisterung erregen die Geschichten von den Märtyrern. Vermutlich hängt das mit der Hingabe zusammen, mit der er ihr unerträgliches Leid in jeder Einzelheit beschreibt. Je mehr sie gelitten haben, desto ausschweifender und schwärmerischer das Lob ihrer Tapferkeit. Ihren eigenen Untergang haben sie für das Wohl anderer in Kauf genommen.

Seine Überraschung ist nicht klein, als der beredte Botschafter Gottes sich eines Morgens gefesselt wiederfindet, umringt von seinen bekehrten Freundinnen und Jüngern. Diese machen sich sogleich an das Foltern; aus den Geschichten haben sie viele Methoden bereits gelernt und überbieten sich noch im kreativen Erfinden von noch schrecklicheren, brutaleren, schmerzhafteren Verfahren. Der Gefolterte protestiert lautstark und flucht: „Dafür werdet ihr für immer in der Hölle schmoren, die schrecklichsten Strafen werden euch ereilen! Wisst ihr das denn nicht?“ – „Doch, doch“, kommt mit ehrlich bedrückter Stimme die Antwort „aber wir sind bereit diese Qualen auf uns zu nehmen, um dir zur Erlösung zu verhelfen, um dir zu ermöglichen, was du dir immer so sehr wünschtest.“

Das Zu gut verstanden werden kann leicht zum Verhängnis geraten. Es steckt etwas von „sei vorsichtig was du dir wünscht!“ in Lems Geschichte, die sehnsüchtige Faszination für die beschriebenen Qualen waren dem Prediger anzuspüren. Und prompt ging sein Wunsch in Erfüllung: leide auf Erden, werde im ewigen Leben belohnt. Wie reich wird aber belohnt, wer auf diese Belohnung verzichtet? Wer die ewige Verdammnis willentlich auf sich nimmt, um der Erlösung anderer Willen, geht leer aus und handelt eben deshalb christlicher, nach christlicher Doktrin. Die Frommste ist, so gesehen, die sündigste und der Sündigste der frommste. Die Ersteren werden die Letzteren sein.

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