Medea

In Alexander Kluges neunstündiger Bearbeitung des Kapitalstoffes, auf den Spuren Sergej Eisensteins, spricht die Schauspielerin Sophie Rois über die Medea-Figur in Euripides Drama. Sie widerspricht der Auffasung, es ginge in dem Stück um ein Ehedrama, einen untreuen Ehemann, eine eifersüchtige Gattin, eine ausgelieferte Emmigrantin. Vielmehr führe Medea einen politischen Kampf um ihr Menschsein.

„[…] die ist nämlich noch einer, die lässt sich das nicht gefallen, die fordert ihr Menschenrecht ein […], nicht einfach als stampfende Gebärmutter – ‚mein Mann hat mich verlassen jetzt bringe ich meine Kinder um‘. Nein, die macht etwas anderes: es kommt ein König in die Stadt, die sorgt nämlich für ihr Weiterleben, das ist kein emotionaler, da wo man die Frauen so gerne hinschiebt, in den Bereich der Natur, in den Bereich des einfach emotionalen aus dem Bauch heraus, überhaupt nicht. Die hat nur kein Gebiet mehr, auf dem sie sich bewegen kann. Weil die ist einfach nur mehr Frau mit zwei Kindern, alles Andere ist ihr abgeschnitten, da ist sie ja raus aus ihrer Wirkung, aus ihrer politischen, sie ist keine Königin mehr, sie ist nur noch die Frau von diesem Mann, was Anderes ist sie nicht mehr und sie wird ja auch nur mehr als Ehefrau behandelt und als Ehefrau verstoßen.
Und es kommt ein König in die Stadt und sie macht einen Deal mit ihm. Sie sagt ihm: ‚Du bist unfruchtbar, ich kläre das für dich. Ich braue dir einen Trank, du wirst Kinder haben. Du musst mir aber versprechen, egal was ich mache, du nimmst mich auf und du gewährst mir Zuflucht.‘ Das steht bei Euripides da drin. Das heisst: Sie macht einen glasklaren Vertrag, sie ist ein strategischer Politiker. Und dann, sie hat, wie jeder Mann, ein Anrecht auf Ruhm und Würde und ist nicht nur reine Frauenbiologie, die abhängig ist von einem Liebhaber, sondern auch sie möchte – so wie ihr Mann, der eben auch sagt: ‚Hör mal ich möchte ein ganzer König sein und nicht hier dauernd auf der Flucht, jetzt habe ich hier die Möglichkeit wieder jemand zu werde.‘ – auch sie möchte jemand sein und […] als ganzer Mensch in Ruhm und Ehre leben und mit ihrer Würde, mit ihrer Menschenwürde und deswegen bringt sie diese Kinder um, um ihren Mann tödlich zu verletzen. Und steht dann auf Helios Wagen, sie ist die Verwandte eines Sonnengottes.“

Wenn in der Odysseus-Figur sich zeigt, wie die List sich über den Mythos erhebt, die Vernunft sich gegen die Natur aufrichtet, dann ist die Medea-Figur Ausdruck des Dabei auf der Strecke bleibens. Diese Vernunft ist eine allgemeine, die schon deshalb Partikuläres ausschließt. Medea wird versagt, was dem männlichen, bürgerlichen Subjekt zu gelingen scheint: sich aus der Naturherrschaft zu befreien und herrisch, königlich über das eigene Schicksal zu verfügen. Was Penelope schon resignierend hingenommen, oder womit sie sich zumindest listig arrangiert hat, dagegen begehrt Medea auf.

„Und das würde ich so gerne einmal spielen, aber richtig auf diesem Wagen da oben und ich möchte es eben nicht in einer Einbauküche spielen, ich möchte nicht die Ehe aus dem 19.Jahrhundert spielen und ich möchte auch nicht die Emigrantin spielen, weil das ist keine Emigrantin, darum geht es nicht, es geht um diese politische Sache.“

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