Das Wörterbuch der Gemeinplätze

„Es kann als sicher gelten, daß jede öffentliche Meinung, jede übernommene Konvention eine Dummheit ist, denn sie hat der Mehrheit konveniert.“ – Chamfort, Maximes. (Motto des Wörterbuchs der Gemeinplätze)

Denken, soll es denn überhaupt solches sein, muss zumindest irgendwie originell sein. Und zwar nicht um dem Gebot der Innovation zu entsprechen, sondern um Reflexartigkeit zu vermeiden. Allgemeinplätze sind im Grunde nie wahr, sie erhalten ihre trügerische Evidenz vom Schein der Verhältnisse, an denen sie unbewusst gebildet wurden. Besser falsch, als in diesem Sinne passend.

Gustave Flaubert, davon ahnend, verfasste ein kleines Wörterbuch der Gemeinplätze, um eben jene Ideologeme auszustellen: Ist nämlich etwas als Abgeleitetes entdeckt, fällt es ungemein schwer es noch zu vertreten. Darin liegt das erschütternde der Ideologiekritik. Unmaterialistisches Denken, auf seinen Ursprung in den falschen Verhältnissen aufmerksam gemacht, kommt in die Bredouille erklären zu müssen, wieso seine ewige Wahrheit just mit der aktuellen Mode koinzidieren soll.

Einige Beispiele bei Flaubert:

Dickicht (hallier). Immer als „düster“ und „undurchdringlich“ beschreiben.

Diderot. Immer begleitet von d’Alembert.

Dienstboten (domestiques). Sind alles Diebe.

Natur (nature). „Wie schön die Natur ist!“ – jedesmal ausrufen, wenn man auf dem Land ist.

Neapel (Naples). „Neapel sehen und sterben!“ – Wenn sie mit Gelehrten sprechen, sagen sie: Parthenope.

Schulbildung (instruction). Das Volk braucht keine, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. – Immer vorgeben, man habe sie reichlich genossen; die „aufgeklärten“ Bevölkerungsschichten sind nicht imstande, sich das Gegenteil einzugestehen.

Gäbe es in einem heutigen deratigen Büchlein einen Eintrag zu Adorno, müsste er in etwa folgendermaßen lauten:

Adorno. Philosoph jüdischer Herkunft. Wunderkind aus Musikerfamilie. Von „letztem Universalgelehrten“ sprechen – oder von „Genie“, je nach Umgebung. Versuche als Musiker erwähnen. Über das Negative lästern. Auf Ausschwitz hinweisen, immer mit Bezug auf seine Biographie. Keinen Sinn für Jazz: den Jazz zu seiner Zeit vom heutigen abgrenzen. Seine freien „Rundfunk“reden bewundern. („druckreif!“)

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