Russisches Ballett

An radikaler Gesellschaftskritik gibt es ein affirmatives Moment. Nämlich, dass sie dazu taugt, sich über das Bestehende insofern zu beruhigen, als sie die Verhältnisse, in denen sie überhaupt noch vorkommt, als genau deshalb ja schon gar nicht mehr so schlimme erscheinen lässt. Dass noch ausgesprochen wird, was bloß ist sei als ganzes und innerlich irrational, drückt ihm das Siegel der Vernunft auf. Nach dem Motto: wo das noch gedacht werden kann, dort kann nicht alles verloren sein, wo das noch gesagt werden kann, ist die Herrschaft eben doch nicht so vollständig.

Wolfgang Pohrt ahnt das, wenn er in seiner Rede vom „Staatsfeind auf dem Lehrstuhl“ bemerkt, dass Adorno, der als scharfer Kritiker der Gesellschaft letztlich doch zu einem Lehrstuhl kam, dadurch einigen Anlass gab sich solch einen glücklichen Verlauf als Regel vorzustellen. Also manche deshalb glauben konnten, man würde für Kritik auch noch belohnt.

Vielleicht nimmt Pohrt seine Beobachtung aber nicht ernst genug. Vielleicht wird Ungehorsam nämlich doch zuweilen entlohnt und zwar eben, weil von einer Gesellschaft, in der kein Gedanke mehr sich zu regen vermag, der falsche Schein ihrer Vernunft augenblicklich abfallen würde. Weil sie des Vernünftigen Bedarf, um ihrer Unvernunft nicht inne zu werden. Es ist wohl zu einem Teil diesem Umstand geschuldet, dass Gesellschaftskritik und Ideologie so nah beieinander liegen, dass sie oft nicht einmal ohne Weiteres zu unterschieden sind, ja jene ständig Gefahr läuft in diese umzuschlagen.

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