Basis : Überbau

Wer heute ohne Scherz noch wagt, von Basis und Überbau zu sprechen, gerät in den Verdacht, Deterministin zu sein. Eine solche schematische Theorie der Widerspiegelung – so der Vorwurf – würde der komplexen Realität nicht gerecht, in der sich Sein und Bewusstsein gegenseitig dialektisch hervorbringen und stabilisieren. Hinter diesem Einwand, der sogar auch sein Berechtigtes hat, verbirgt sich aber gleichzeitig Rancune, Groll gegen das Gesellschaftliche. Indem der Überbau gegenüber den materiell gegebenen Bedingungen aufgewertet wird, betrügt sich die Ohnmächtige über ihre Ohnmacht.

Dabei wäre Denken tatsächlich nicht so hoffnungslos verloren, würde es sich seine aussichtslose Lage eingestehen, seiner Abgeschnittenheit sehenden Auges die Stirne bieten. Das vom Sein vollends bestimmte Bewusstsein ist nämlich eben nicht Denken, sondern sein Gegenteil: Ideologie, abgeleiteter Reflex auf das Bestehende. Soll Denken nicht zur Apologie herabsinken, muss es die eigene Beschränktheit anerkennen und damit seine Verstrickung in den Betrieb. Denken hebt erst dort an, wo der Versuch unternommen wird, dem Vorgegebenen zu entraten: im Verneinen eines bestimmt als falsch Erkannten.

So lässt sich also sagen, dass die Basis wirklich den Überbau bestimmt. Sie ist die mächtige Suggestion des Bestehenden; ihrem Sirenengesang vermag der Verstand nicht zu widerstehen. Er ist versucht ihm zu erliegen und sich damit dem Vorgefundenen anzubilden, um es ertragen zu können. Der Überbau ist der Elendenchor, der den Sirenengesang begleitet, seine Oberstimme bildet und seinen Kontrapunkt. Denken müsste diesem Verfallensein Gewahr werden und mit krächzender Stimme unterbrechend dazwischenfahren: schief.

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