Geschwätz

„Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte …“


Dialektisches Denken bringt es mit sich, dass seine einzelnen Momente nicht für sich allein stehen können. Weil sie in ihrer jeweiligen Konstellation sich auf andere widerspruchsvoll beziehen, werden sie als einzelne falsch. So findet sich bei Adorno kaum ein Satz, gegen den, isoliert betrachtet, nicht ein anderer von ihm selbst Einspruch erheben könnte. Theoretische Gebilde dieser Art sind deshalb widerspenstig gegen ihre Verwendung: Sie taugen nicht zur Anleitung, keinen Befehl, der bloß befolgt werden will, lassen sie vernehmen. Je stärker sich ein Text derart dem Wunsch nach Orientierung widersetzt, desto mehr klammert sich das verunsicherte Bewusstsein an jedes Wort – und irgendeines muss sich immer finden – das sie zu gewähren verspricht. Es sucht nach Halt und hofft ihn gerade dort zu finden, wo er ihm verweigert werden soll, weil es zurecht der Anweisung misstraut, die ungeniert als Befehl ihm gegenübertritt. Die Sätze, an die solches Denken sich heftet, fallen deshalb aus dem Gebilde heraus, dessen Bestandteil sie bilden. Sie verhärten sich gegen ihre gedankliche Umgebung und verselbstständigen sich: geistern verloren umher.

Im Aufsatz Kulturkritik und Gesellschaft untersucht Adorno die Lage der Kulturkritik angesichts einer Kultur, „deren Existenz von der verhexten Realität, letztlich von der Verfügung über fremde Arbeit abhängt.“ Kritik erhebt sich über den Kulturbetrieb und verleugnet dabei, wie sehr sie ihm verschworen ist; wie sehr Kulturkritik der Kultur bedarf, auf die sie abschätzig herabblickt. Sie nimmt gegenüber ihrem Gegenstand eine kühl bewertende, abgebrüht verfügende Haltung ein, die, über das Leid der Menschen gleichgültig hinweg gehend, dieses zum Index des Unterganges, des Verfalls der Menschheit verharmlost. So verstrickt sich das verdinglichte Bewusstsein im Versuch sich zu befreien nur umso tiefer. „Noch das äußerste Bewußtsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: [und hier wird en passant etwas ausgesprochen, dessen schlichte Wahrheit eben zum Befehl nicht taugt] nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“ Es handelt sich hier nicht um ein Diktum, um ein Verdikt: weder lässt sich diesen Sätzen ein Verbot noch ein Befehl abpressen; es findet sich in ihnen hingegen die ungeschönte Bestimmung der unmöglichen Lage von Denken – und nicht von Lyrik – im Angesicht der gescheiterten Kultur.


„… Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.“

– Theodor W. Adorno, Negative Dialektik

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