Zeit und Raum

Lessing wendet sich in seinem Laokoon gegen die Vorstellung, Malerei sei gemalte Poesie, während Poesie spiegelbildlich mit Worten male. Vielmehr trennt er die beiden Bereiche ab, bestimmt jene als räumlich und diese als zeitlich. Auf den ersten Blick scheint er darin Adorno zu ähneln, der in seinen Überlegungen zum Verhältnis von Malerei und Musik, sie vorerst als Raum- und Zeitkunst voneinander scheidet. Gewohntermaßen geht es bei Adorno aber dialektischer zu und er bleibt also bei dieser groben Bestimmung nicht stehen. Vielmehr wird der Musik die Zeit, der Malerei der Raum, als ihr jeweiliges Medium zum Problem, die Musik ringt um Verräumlichung im Medium der Zeit und die Malerei dynamisiert den Raum hin zu einem Zeitverlauf des Gleichzeitigen. „In ihrem Gegensatz gehen die Künste ineinander über.“

In Paul Klees Schöpferische Konzession sind Bemerkungen zu finden, die wohl durchaus in die Richtung weisen, die Adorno im Sinn hat. Er greift Lessings Laokoon an und stellt fest: „… auch der Raum ist ein zeitlicher Begriff.“ In seinem Vortragsmanuskript Beiträge zu einer bildnerischen Formenlehre illustriert er seine Ausführungen mit Skizzen, die er detailliert erläutert. Der Aspekt des Zeitlichen des Bildes, lässt sich anhand von drei nachgebauten Skizzen hervorragend entwickeln.

Wer Gewicht im Medium des Raumes ausdrücken will, muss sich der Größe und der Farbe bedienen. Auf Abbildung I herrscht ein Ungleichgewicht: das Rot wiegt schwerer als das Hellrot. Um das auszugleichen, wird bei Abbildung II ein kleines dunkelrotes Quadrat hinzugefügt, sodass sich die beiden Seiten einigermaßen die Waage halten. In Abbildung III werden die Elemente aus I und II derart zusammengefügt, dass sich eine Bewegung vollzieht. Das schwere rot hat die Achse nach unten verschoben und das hellrot nach oben gedrückt. Das Dunkelrot tritt ausgleichend hinzu und wird die Achse in die Gegenrichtung verschieben. Es spielt sich ab, was Klee „ein kleines Drama der Horizontalen“ nennt, „vermenschlichend ausgelegt: ich bin nach links ins Schwanken geraten und habe nach rechts mit der Hand ausgegriffen, irgendwo Halt suchend, um nicht zu fallen.“

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