Somnambulie

Es verhält sich weniger so, dass die Gedanken einfach schon von der Maschinerie vorgegeben wären. Eher fügt der Gedanke sich aus eigenem Antrieb, mehr oder minder bewusst, in die Apparatur, um sie bedienen zu können. Freilich ist das Zurechtkommen mit den zur Natur verfestigten Verhältnisse überlebensnotwendig: wer nicht lernt, ihnen gemäß zu denken, bleibt auf der Strecke. Die Freiwilligkeit stellt sich als scheinhafte heraus, sie ist bloß der Schatten der Unfreiheit. Nur durch die falsche Freiheit hindurch wird das Bewusstsein vollends von Verdinglichung ergriffen. Deshalb setzt sich diese auch dort, wo Freiheit noch eher verwirklicht scheint, umso unerbittlicher durch. Lukács spricht in Geschichte und Klassenbewusstsein davon, dass die „Bewußtseinsprobleme der Lohnarbeit sich in der herrschenden Klasse verfeinert, vergeistigt, aber eben darum gesteigert wiederholen.“

Während der Körperarbeiterin primär ein technischer, von ihrer geistigen und emotionalen Identität leichter abtrennbarer Teil, als fremdes Ding gegenübertritt, gerät der Geistesarbeiterin ihre ganze Persönlichkeit zum Arbeitsvermögen, das sich am Markt als Arbeitskraft verhökern lässt. Persönlichkeitsbildung wird zur Möglichkeit den Wert der eigenen Arbeit, den eigenen Wert zu erhöhen. Indem aber die Verdinglichung so umfassend ist, wird sie paradoxerweise nicht mehr als solche kenntlich: eher scheint es, als wäre die Privilegierte ihr entgangen. Sie glaubt den Traum verwirklicht, tun zu können, was sie will. Im Denken taucht dieses Phänomen in der Vorstellung auf, Beruf und Interesse könnten in eins fallen; welch’ glückliche Koinzidenz, sich für das zu interessieren, was der Markt verlangt. Das Hobby wird zum Beruf gemacht, dem es ohnedies schon immer glich. Berufung wird Beruf. Die Arbeit erfüllt. Indem vom Individuum vermöge solcher Erfüllung nichts übriggeblieben ist, scheint sich Individualität zu verwirklichen, für einige doch – auch jetzt schon – möglich zu sein: Somnambulie.

Ein Gedanke zu “Somnambulie

  1. „Während der Körperarbeiterin primär ein technischer, von ihrer geistigen und emotionalen Identität leichter abtrennbarer Teil, als fremdes Ding gegenübertritt, gerät der Geistesarbeiterin ihre ganze Persönlichkeit zum Arbeitsvermögen, das sich am Markt als Arbeitskraft verhökern lässt.“

    Ich würde behaupten, dass dieser Satz nur von jemanden gesprochen werden kann, der sich der Körperarbeit durch den eigenen gesellschaftlich Stand bisher erfolgreich entziehen konnte. Es verhält sich nämlich mitnichten so, dass die Körperarbeit sich von der geistigen und emotionalen Identität auf Dauer trennen ließe. Es mag zu Beginn eines solchen Arbeitsverhältnisses vielleicht noch eine solche Trennung vorliegen, aber mit der Zeit entschwindet sie auch hier und hinterlässt nur mehr eine Persönlichkeit die mit ihrer Arbeit eins wird, sich ihre Identität zusehens aus der Körperarbeit selbst – und den an dieser hängenden Elendigkeiten – konstruiert. Diese Persönlichkeit ist es dann auch, die zum Arbeitsmarkt getragen und von diesem auch verlangt wird.
    Sehr schön zu beobachten an Lehrlingen oder dergleichen, von dahingehenden Selbstexperimenten in Sachen Körperarbeit kann ich aber nur abraten.

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