Fantasia

Malerei und Musik sind sich ähnlich: Ausdrücke wie „Klangfarbe“ oder „Harmonie“ weisen darauf hin. Selbst die Versuche Musik als Zeitkunst von der Raumkunst Malerei abzugrenzen halten nur bedingt. Paul Klee weist in seinen kunsttheoretischen Schriften auf das zeitliche Moment am Bild sehr eindringlich hin. „Wenn ein Punkt Bewegung und Linie wird, so erfordert das Zeit. Ebenso, wenn sich eine Linie zur Fläche verschiebt. Desgleichen die Bewegung von Flächen zu Räumen.“ Auch entsteht ein Bildwerk in der Zeit, es wird nach und nach errichtet. „Und der Beschauer, wird er auf einmal fertig mit dem Werk?“, fragt Klee um in Klammer „leider oft ja“ hinzuzufügen. „Sagt nicht Feuerbach, zum Verstehen eines Bildes gehöre ein Stuhl? Wozu der Stuhl? Damit die ermüdenden Beine den Geist nicht stören. Beine werden müde vom langen Stehen. Also, Spielraum: Zeit.“

Also überall Zeit im Bild, wo man auch hinblickt: Zeit. Bei Klee auch Rhythmus, Takt, Stimmen und Begleitung. Aber wer bemerkt, dass wo es Bewegung gibt es auch Zeit geben muss, die könnte bemerken, dass es auch Raum geben muss, wenn von Bewegung die Rede ist. Und gibt es nicht Bewegung in der Musik? Also auch Verräumlichung. Dabei handelt es sich aber nur scheinbar um eine weitere Ähnlichkeit. „Die bürgerliche Vorstellung vom Pantheon möchte der Malerei und der Musik friedlich Plätze nebeneinander zuweisen. Aber ihr Verhältnis ist in Wahrheit, trotz synästhetischer Doppelbegabungen, widerspruchsvoll bis zur Unvereinbarkeit“, schreibt Adorno in einer Anmerkung in der Philosophie der neuen Musik. Dass beide Bewegung kennen, zeigt ihre schroffe Entgegensetzung an.

Musik und Malerei sind Antipoden: Die Bewegung der Musik ist Verräumlichung im Medium der Zeit, die der Malerei wird durch Verzeitlichung im Medium des Raumes erzeugt. Bildet sich Musik unmittelbar der Malerei an – wie es Adorno für Debussy und Strawinsky konstatiert – oder die Malerei der Musik – wie vieles von Kandinsky, sogar manches von Klee – werden sich die beiden ähnlich. Aber nur durch eine falsche Angleichung, Pseudomorphose. Und durch diese scheinhafte Annäherung, werden beide um die Möglichkeit der wirklichen Konvergenz vermöge ihres Unterschiedes gebracht.

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