Rettender Diebstahl

Geistiges lebt nicht dank pedantischer Wahrung seines Eigentumstitels fort und verschwindet nicht durch Diebstahl. Im Gegenteil übersteht Gedankliches nur den Lauf der Zeit, indem es von Anderen als die ganz eigene und einzige Wahrheit vertreten wird: also gestohlen. Durch diesen Diebstahl verwandelt es sich und überlebt so den geschichtlichen Wandel der Gesellschaft, während das pedantische Zitieren bloß versteinert aufbewahrt, was schließlich nur noch fürs Museum taugt. Für verbindliches Denken, ja für Wahrheit schlechthin ist also das Plagiat rettend, die Aufnahme in den Kanon wäre der Tod der diese konstituierenden Beweglichkeit.

Wohlgemerkt wäre das gar keine neue Praxis, sondern beschreibt nur, wie Denken seit je sich weitervererbte. Wer Theorie – wie es sich geziemt – rückwärts liest, also sich vom Neuen zum Alten vor tastet, wird es merken: Alles war schon vorher da und doch nie so. Und es vermag eben so nur da zu sein, indem es direkt da ist, nicht als überlieferte Weisheit. Wahrheit sammelt sich nicht an, wird nicht von Generation zu Generation weitergegeben. Sie besteht einzig fort, indem sie vertreten wird.

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