Autophilie

Zwischen autoritärem Denken und der Liebe zu Autos gibt es einen eigenartigen Zusammenhang. Die Verbindung muss unterirdisch verlaufen, denn äußerlich ist sie nicht zu erkennen. Sie verrät sich nur als eine Synchronizität, als ein auffallend häufiges gemeinsames Auftreten eben der Autoliebe und einem Hang zu geistiger Starrheit und Brutalität. Freilich kann hier nur von einer bestimmten Art der Verherrlichung des Automobils die Rede sein. Denn es gibt auch den freundlicheren, den eher magischen Bezug zu dem Vehikel, das dann gerne vermenschlicht, ja mit Namen getauft und angesprochen wird.

Aber die Faschistin bewundert anderes am Auto. Die Expressionistin Marie Holzer hat es als den Anarchist unter den Gefährten bezeichnet. Es ist der „Sieg der Kraft über die Pedanterie vorgeschriebener Grenzpfähle, ein Überschlagen, Überspringen langsamer Entwicklungsstadien, ein plötzliches Emporwachsen, ein herrisches Bejahen eines Gedankens, der uns emporträgt, der sich zum Bedürfnis aufgezwungen. Ein glänzender Rekord der Technik, die uns bewiesen, daß persönlicher Wille zum Gesetz werden kann, werden muß; daß Kraft, Stärke und Überzeugung über alles mühsam Zusammengetragene und mühsam Erworbene hinweggeht, hinwegsaust…“ Und der Futurist Filippo Tommaso Marinetti erklärt in seinem zutiefst antifeministischen und sexistischem futuristischen Gründungsmanifest: „Wir erklären, dass der Glanz der Welt sich um eine neue Schönheit bereichert hat: um die Schönheit der Schnelligkeit. Ein Rennautomobil, dessen Wagenkasten mit großen Rohren bepackt sind, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, das auf Kartäschen zu laufen scheint, ist schöner als die ‚Nike von Samothrake‘.“

Dieser Anarchismus hat nichts von Herrschaftsfreiheit, eher schon ist er der Inbegriff der Herrschaft: der Herrschaft der Maschinen, dessen, was über die Menschen hinweggeht, des Sichhinwegsetzens, des ungestümen und kopflosen Voranrollens. Marinetti vergleicht das Auto mit Tieren, mit Schlangen, lebendig und gefährlich aber ohne Vernunft. Das ist es, was am Auto bewundert wird – es verkörpert den toten Fortschritt, den zermalmenden Fortschritt der Maschinen, der ohne gesellschaftlichem keiner ist. Diese Bewunderung ist gespiegelte Menschenverachtung. Sie zieht die Technik, in der es ein Weiterkommen gibt – sei es auch, oder eher gerade, ein blindes, kopfloses; zumindest ist es ein Voran – der Gesellschaft der Menschen vor, die versteinert ist. Die Liebe zum Auto ist eine versteckte Identifikation mit dem Bestehenden schlechthin, welche die Unerträglichkeit erträglich machen soll, dass doch zu ändern wäre, was nicht aufhört, die Menschen zu verstümmeln.

2 Gedanken zu “Autophilie

    1. Du hast recht; das ist in dem Buch, aus dem ich zitiert habe, falsch übersetzt. Wohl, weil die gemeinte Skulptur auf italienisch „Vittoria di Samotracia“ heißt. Danke für den Hinweis.

      Hier noch die Passage im Original: „Noi affermiamo che la magnificenza del mondo si è arricchita di una bellezza nuova; la bellezza della velocità. Un automobile da corsa col suo cofano adorno di grossi tubi simili a serpenti dall’alito esplosivo… un automobile ruggente, che sembra correre sulla mitraglia, è più bello della Vittoria di Samotracia.“

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