Cellar Door

Wer in der Schule lernt, das lyrische Ich wäre nicht mit der Autorin in eins zu setzen, ist erstaunt und dann stolz. Es liegt zunächst näher, sehr wohl genau davon auszugehen – besonders bei Gedichten oder bei biographisierender Prosa. Diese Vorstellung abzulegen, bedeutetet einen Abstraktionsschritt: stolz sind wir, weil wir uns freuen, dass wir zu ihm fähig sind. Aber irgendwie ist das Verhältnis von Autorin und lyrischem Ich – respektive auch von Erzählerin und Autorin – verwobener und seltsamer. Sie lassen sich im Grunde nicht so recht auseinander dröseln.

Vor allem gilt das, bei einem Roman, der in der Ich-Form erzählt wird. „Wie ich mir darüber klar wurde, war es schon zu spät. Ich hatte mich wohl zu sehr mit dem Gedanken angefreundet, mir keine Gedanken machen zu müssen.“ Wer sagt diese Sätze? War ich es und falls ja, wer ist ich? „Ich, Samuel Estragon, schreibe diesen Satz.“ Wer schreibt nun diesen Satz?

Eine Erzählfigur mag noch so durchdacht und glaubwürdig sein. Wenn der Hochstapler Krull uns seine Bekenntnisse vorlegt, ist es dann nicht doch ein Buch von Thomas Mann, dessen Name auch auf dem Titel prangt und ist dann nicht doch jedes Wort, das uns in der Sprache des Hochstapelnden aufgetischt wird, letztlich auch ein Wort von Thomas Mann? Es gibt eine Sphäre des Scheins, in der Krull diese Worte schreibt und eine vielleicht phantasielose, in der es immer die Worte Manns bleiben werden.

Ich vermute, dass wir als Kinder nicht Krull in Frage stellen, weil wir ihn nur als Thomas Mann gelten lassen wollen, sondern den Hochstapler für real nehmen. Wir zweifeln nicht am Schein, sondern halten das lyrische Ich für eine Person der wirklichen Welt. Eigentlich wird von uns verlangt, diese Sphären auseinanderzuhalten, die uns zunächst als eine erscheinen: Möglichkeit und Wirklichkeit.

4 Gedanken zu “Cellar Door

  1. Gut verfasster Text zum Ich-Erzähler. Ich stimme dir voll und ganz zu, denn schließlich und letztendlich identifiziert sich jeder Autor/in mit seinem Protagonisten. Das Bild ist von René Magritte oder?

    1. Ja, genau. So wie Magritte seinen Bildern Titel gab, die nichts mit den Bildern zu tun haben, gebe ich sein Bild zu einem Artikel, der nichts mit seinem Bild zu tun hat. Naja, vielleicht ein bisschen was. Schließlich geht es um Perspektiven.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s