Auseinanderbrauen

Es drängt sich auf, radikale Gesellschaftskritik, die aufs Ganze geht, mit Verschwörungstheorien in Zusammenhang zu bringen. Die Gründe liegen auf der Hand. Beide bieten eine Version der Welt an, „wie sie eigentlich ist“, beide bilden ein relativ geschlossenes Weltbild oder eine ausgefeilte Theorie von der Welt, die vor Kritik einigermaßen gefeit ist, die Proponentinnen beider verkehren gerne unter Ihresgleichen und fühlen sich mitunter von anderen unverstanden. Das gilt nicht nur für kleine Polit-Sekten, sondern diese Merkmale kennzeichnen in gewisser Weise jede differenzierte und gründliche Gesellschaftstheorie, die sich nicht vom Unterschied zwischen dem gesellschaftlichen Wesen und seiner Erscheinung abbringen lässt.

Natürlich muss diese Nähe geleugnet werden. Aber die Gegenargumente klingen oft etwas matt oder sind nur schwache Relativierungen. Verschwörerinnen würden personalisieren – als wäre es so verschieden, ein paar Leute zur Wurzel des Übels zu erklären oder ein abstraktes Prinzip. Und wie schnell ist das Prinzip vergessen, wenn es ans Eingemachte geht. Weiters würden Verschwörerinnen projizieren und wären zur Selbstreflexion nicht fähig, eine Diagnose, die bei anderen immer leicht zu stellen ist, während die mangelnde Fähigkeit zur Introspektion bei einer selbst, schon dem Begriff nach, gar nicht bemerkt werden könnte.

Es gibt aber doch einen triftigen Einwand, der Verschwörungstheorien von einer bestimmten Art der Kritik deutlich abgrenzt, wenn er auch andere Spielarten umso mehr exponiert: Kritik im emphatischen Sinn, will die Welt gar nicht erklären, nicht sie im Geiste wiederholen. Sie geht auf das, was nicht sein soll, darin ist sie punktuell und sagt keineswegs, „wie es eigentlich ist“. Kritik geht nicht auf Eigentlichkeit, sondern gegen das Falsche. Darin ist sie ganz Partikular. Eine Stärke, die in Schwäche umschlägt, sowie das sture Starren aufs Einzelne den Blick fürs Ganze verkümmern lässt.

3 Gedanken zu “Auseinanderbrauen

  1. Ich würde ja sagen, so ziemlich alle Formen von Ideologie und Religion „bieten eine Version der Welt an, „wie sie eigentlich ist“, … bilden ein relativ geschlossenes Weltbild oder eine ausgefeilte Theorie von der Welt, die vor Kritik einigermaßen gefeit ist, die Proponentinnen … verkehren gerne unter Ihresgleichen und fühlen sich mitunter von anderen unverstanden“.

    Darin ist Verschwörungsideologie nicht originell, daran würde ich sie nicht festmachen. Sie hat ja für ihr gemeinschaftsstiftende Weltbild vor allem einen bestimmten Inhalt, der sie vor anderen Formen auszeichnet.

    Wer Probleme hat, sich davon sinnvoll abzusetzen, muß sich wohl fragen, was ihn – jenseits vom Anspruch – im Eigentlichen und Geschlossenen, in der Kritikimmunisierung und unter Seinesgleichen festhält…

  2. ein nicht ganz unwichtiger unterschied scheint mir auch zu sein, dass „ernste“ Gesellschaftskritik im unterschied zur verschwörungstheorie dazu neigt, sich selbst meist in einer gewissen theoretischen tradition zu verorten; dazu tendiert das eigene denken als weiterentwicklung vorangegangener vorschläge – die sich als kritik je zeitgenössischer Herrschaftsrechtfertigungen verdient gemacht haben – einzuordnen … und mit diesem materialistischen Konzept den Anspruch hat, an „Geschichte“ teilzunehmen und auf eine /bessere/ Zukunft zu drängen. …

    Verschwörungstheorien organisieren sich indessen doch häufig um irgendein singuläres Ereignis, das als vergangenes die Omnipotenz irgendwelcher Mächte demonstrieren soll oder als zukünftiges mit Erlösungsphantasien aufgeladen ist. Dazu passt, dass hinter solchen „Theorien“ oft nur vereinzelte Köpfe stecken, die sich – es wäre wahrscheinlich auch schwer genug – auf nichts und niemanden, als auf ihre eigene Einsicht in die Wahrheit berufen können.

  3. Danke für eure Kommentare. Sicher einige bedenkenswerte Einwände. Mir ging es auch gar nicht so sehr darum, Verschwörungstheorien prägnant zu charakterisieren und sicherlich schon gar nicht darum, materialistische Gesellschaftskritik als Verschwörungstheorie zu diffamieren. Die Gemeinsamkeiten, die ich entdecke, sind sicherlich nicht das einzige oder wichtigste Charakteristikum von Verschwörungstheorien und auch nicht unbedingt von Gesellschaftstheorie.

    Dennoch spielt der Aspekt des Aufdeckens, des hinter die Kulissen Blickens und dergleichen, ganz abgesehen vom Inhalt, eine entscheidende Rolle in beiden angesprochenen Bereichen. Deshalb sind sie nicht gleich. Mein Beitrag versucht diese Struktur zu befragen und zu problematisieren.

    Es handelt sich also eher um einen Versuch der Selbstreflexion als um einen Beitrag zur Erforschung von Verschwörungstheorie. Ich hoffe meine Reflexion erreicht zumindest ein Niveau, auf dem sich das nachvollziehen gelohnt haben könnte. Eure Kommentare nehme ich einmal als schwaches Indiz dafür.

    Wenn ich mich übrigens nicht tiefer auf die Diskussion einlasse, liegt das daran, dass ich meinen Blog weniger als Diskussionsplattform, denn als öffentlichen besseren Zettelkasten betrachte. Ich freue mich also sehr über Beiträge, versuche aber Diskussionen zu vermeiden.

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