Angst

„Am stärksten wuchert die Angst, es ist nicht zu sagen, wie wenig man wäre ohne erlittene Angst. Ein Eigentliches des Menschen ist der Hang, sich der Angst immer auszuliefern. Keine Angst geht verloren, aber ihre Verstecke sind rätselhaft. Vielleicht ist von allem sie es, die sich am wenigsten verwandelt. Wenn ich an die frühen Jahre denke, erkenne ich zuallererst ihre Ängste, an denen sie unerschöpflich reich waren. Viele finde ich erst jetzt, andere, die ich nie finden werde, müssen das Geheimnis sein, das mir Lust auf ein unendliches Leben macht.“ So formuliert Canetti in seinen Jugenderinnerungen, der geretteten Zunge, wenig materialistisch und wohl mit skeptischem Seitenblick zur Psychoanalyse, für die sich wenig mehr verwandelt als die Angst.

Doch einmal angenommen, es sei einiges daran und die Angst und die Entdeckung der eigenen Ängste, bildeten einen mächtigen Lockruf des Lebens, dann ergebe sich ein eigenartiger und reizvoller Gegensatz zur vielleicht meist genannten Chiffre der Utopie in der Kritischen Theorie: ohne Angst verschieden sein. Eine andere, weniger bekannte, teilt sie mit Canetti, die, von der Abschaffung des Todes – geheimnisvolle Angst, die Lust macht auf unendliches Leben.

Zu sagen allerdings, Angst sei dem Menschen ‚eigentlich‘, bereichere ihr Leben und ohne sie wäre es klein und arm, tönt seltsam resignativ; als wolle der so spricht sich mit dem Elend befreunden und aus der Not eine Tugend machen. Es klingt eigentlich eben nach denselben Gründen, welche die Verteidigerinnen des Todes zu dessen Rettung anführen.

Die Schwäche des Arguments sagt allerdings wenig über den zugrunde liegenden Impuls. Vielleicht ist er eben unverstanden. Jedenfalls gehört die Angst dem Reich des Lebens an. Heißt es nicht, die Mutter aller Ängste sei die Todesangst? Sie deutet auf Gegensatz wie Einheit.

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