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Vor einiger Zeit habe ich einen knappen Artikel eines amerikanischen Schriftstellers über das Schreiben gelesen. Er gibt darin Tipps für angehende Autorinnen: etwa sei Schreiben eine mühsame Angelegenheit und man solle sich nicht davon entmutigen lassen. Das Ringen um Formulierungen sei Teil des Geschäfts und so weiter. Die Empfehlungen waren im großen und ganzen sympathisch, nicht überraschend aber solide. Ein Punkt hat mich allerdings stutzig gemacht und ich kaue daran noch jetzt, weshalb ich wohl diesen Text schreibe.

Der sympathische erfahrene Literat empfiehlt: es solle aus der Ich-Perspektive geschrieben werden, dass erleichtere das Finden einer eigenen Stimme. Nun bin ich eigentlich kein Anhänger der These, es ginge beim Schreiben darum, eine Stimme zu finden. Die Stimme scheint mir allzu oft nur ein Code dafür zu sein, eine Art Markenzeichen auszubilden, ein Erkennungsmerkmal, um sich hervorzutun. Aber unabhängig davon ist mein Verhältnis zum Ich im Geschriebenen ambivalent – obwohl ich die Verwendung des Ichs eigentlich eher verteidigen würde und beim Denken und Sprechen, auch in Vorträgen, die ganze Zeit von meiner eigenen Erfahrung ausgehe, vermeide ich das Ich meistens in Texten.

Aus meinem eigenen Erlebnis wird dann ein: es kommt zuweilen vor oder ein: manchmal… In theoretischen Texten soll das denkende Subjekt zugunsten einer allgemeinen Vernunft verschwinden. Nicht ich bin es, der denkt, sondern so oder so ist es nun einmal, die Vernunft hat es gezeigt. Dabei würde ich normalerweise, darin im Grunde universalistischer als der naive Universalismus, einfach die individuelle, bestimmte und partikulare Erfahrung reflektieren und meiner Reflexion eine Allgemeinheit unterstellen, die sie gerade erreicht, indem sie zunächst keine unmittelbare vorgaukelt.

Das alles gilt aber vor allem für theoretische Texte, in der Literatur geht es eher darum, sich darauf zu konzentrieren, das Bestimmte zu treffen und auszusprechen. Umso mehr hätte das Ich hier einen Platz. Es ist ja ohnehin so, dass auch das Ich schnell von sich abkommt, wenn es eine Geschichte erzählt, etwas berichtet, dass andere erlebt haben oder auch nur die eigene Umgebung und andere Menschen gründlicher beschreibt. Das findet sich in der russischen Erzählung, bei Leskow oder Gogol, das findet sich auch bei Thomas Mann oder Proust. Man merkt das Ich dann nicht, es ist einfach die Stimme.

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