Zu grob, um wahr zu sein

Es gibt keine einfachen Wahrheiten. Die rohe Wahrheit ist zu grob, um wahr zu sein. Es mag etwas daran sein, dass Wahrheit weh tut, aber sie ist nicht brutal. Im Allgemeinen wird allerdings das Brutale eher aufgenommen, manchen sagt schon die Brutalität selbst zu. Wahrheit lebt aber eher in der Raffinesse, im Widerstreben eines Gedankengangs, dem gewohnten Lauf zu folgen, im Umweg. Dem triftigen Gedanken ist es zuwider, dem ausgetrampelten und ausgeschilderten Weg zu folgen, er wendet sich angeekelt ab. Selbst da – oder gerade da? –, wo er am sichersten und schnellsten zum Ziel führte. Denken ist eigentlich überhaupt eher das Durchschlagen des Gestrüpps als das Entlanggehen des rechten Pfades. Darin ist es übrigens der Logik diametral entgegengestellt.

Allerdings muss ich zugeben, dass darin selbst etwas Gezwungenes liegt. Den Weg nicht gehen wollen, lieber die Widerstände niederringen, die sich abseits in den Weg stellen, das ist kein Bild der Versöhnung. Es wäre allerdings geschwollen, fast kitschig, von einem Dickicht zu fantasieren, dass die Denkende, begibt sie sich auf Abwege, auf magische Weise passieren lässt. Besser wäre es, das Durchforsten des Maquis‘ als Denkvorgang aufzufassen, gebe es den Weg ohne Widerstand frei, wäre es kein Denken.

Allerdings ergeben sich daraus einige Probleme. Originalität zum Kriterium von Wahrheit zu erheben – und das ist im Bisherigen gewissermaßen impliziert – verleiht dem Denken eine taktische Dimension. Zielt es auf Originalität (übrigens gilt derselbe Einwand gegenüber dem politische engagierten Denken), dann droht es, die Fühlung mit dem Gegenstand zu verlieren. Es geht ihm dann nicht mehr darum, etwas zu Durchdringen oder auf den Begriff zu bringen, sondern der Gedanke will originell sein, das Wesentliche wird sekundär. Es kann eigentlich nie ein Kriterium für Wahrheit geben. Alles, was danach aussieht, fällt nebenbei ab. Nicht jeder originelle Gedanke ist wahr, aber jeder wahre originell. Sicherlich ist das zu banal, um wahr zu sein.

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