Die Wissende

Eine nahm ihre Theorie zu ernst. Sie glaubte, was sie sich zurechtgezimmert hatte, wäre mehr, als der hilflose Versuch, sich auf die Dinge einen Reim zu machen. Wenn etwas geschah, hatte sie schon die Erklärung parat. Vor allem liebte sie die Psychoanalyse und wenn etwas geschehen war fing sie immer gleich an; von Es und Überich, unbewussten Todeswünschen und Kastrationsangst. Sie verstand es, die Theorie mit anderen geschickt zu verbinden, so dass ihre Erklärungen nicht nur sie selbst überzeugten. Meistens hatte sie auch recht.

Aber an manchen Tagen misstraute sie der Theorie plötzlich. Fragte sich, ob es nicht einfach Hirngespinste seien, ob nicht alles viel einfacher zu denken wäre oder viel komplizierter. Sie bekam dann Angst, fuhr sich mit der Hand nervös an den Hals. Beruhigen konnte sie nur die Lektüre neurologischer Populärwissenschaft. Dann war sie wieder sicher, dass die Psychoanalyse das Bessere sei. Sie nahm sich vor, es mit der Theorie lockerer zu sehen. Sich ihre Erklärungen zu spinnen ohne sich auf sie zu versteifen. Aber es wollte nicht gelingen. Entweder war sie von ihrer Theorie ganz eingenommen und krampfhaft überzeugt oder sie fiel ganz von ihr ab und ließ sie erschüttert zurück.

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