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Else liest

Else las.
„Du sollst nicht lesen, sondern essen“, ermahnte sie der Vater.
„Noch den Absatz … Silna kämpft gleich gegen die Hydra.“ Else presste die Lippen zusammen. „Bitte.“
„Komm Schatz“, sagte die Mutter. „Dein Vater hat sich mit dem Essen solche Mühe gegeben und du lässt es kalt werden.“
Else schlug das aufgeklappte Buch auf den Tisch und brach ihm den Rücken. „Jetzt bin ich eh draußen. Kohlsprossen schmecken kalt genauso grindig wie warm.“ Sie stocherte im Püree. „Kann ich das Ketchup?“
Der Vater reichte Else das Ketchup und seufzte.
„Was gibt es da zu seufzen?“, fragte Else. Sie drückte etwas Ketchup auf die Augsburger. Die sich entleerende Tube furzte und das Ketchup sprayte den Teller voll. Sie schüttelte und drückte wieder. Ein geräuschvolles Sprühen sprenkelte das kartoffelgelbe Püree rot und die Kohlsprossen erkrankten an Masern.
Die väterliche Miene verfinsterte sich. Else nahm ein paar Bissen.
„Bin fertig, kann ich aufstehen?“

Alles vermiesten Elses Eltern ihr. Zumindest den Kampf, das große Finale des Kapitels, hätten sie ihr doch lassen können. Sie warf sich auf ihre „Die Magierinnen von Thelm“-Bettdecke und begann vom Kapitelanfang.
„Wenn ich doch einfach für immer weiterlesen könnte!“, dachte Else.
Wenigstens fand sie schnell wieder in die Geschichte. Silna hatte einen versteckten Höhleneingang entdeckt. Dort suchte sie das Herz von Thelm, ein mächtiges Artefakt, dass die alte Hauptstadt, bevor sie zerstört wurde, mit Energie versorgte.
Else blätterte um, las den ersten Absatz der nächsten Seite und den zweiten, blätterte vor, zurück und wieder vor. Ein anderer Text füllte jetzt die Seiten. Es war dasselbe Buch, dasselbe Kapitel, nur der Text hatte sich verwandelt.
Noch dazu kam in dem Text Silna, die Magierin, gar nicht mehr vor. Stattdessen bäumten sich die Köpfe der Hydra auf, stießen aus sieben Hälsen einen gellenden Schrei aus, der die Bergkristalle der Höhle zum Bersten brachte. In rauschendem Flattern jagten alle Fledermäuse auf einmal aus der Höhle. Die aufgerissenen Hydrenmäuler klafften Else sekundenlang entgegen, bevor eine leise eindringliche Stimme aus dem hintersten Hals der Bestie säuselte: „Ich segne dich Else. Du wirst den Rest deiner Tage als Lesende verbringen. Wenn du am morgen die Augen aufschlägst, wirst du lesen und am Abend werden die Buchstaben dich schlafen legen. Niemals sollen deine Augen sich vom Text lösen. Tun sie es aber doch, so wirst du zur ewigen Leserin versteinern.“
Else erschrak über die Worte und ließ das Buch fallen. Sofort versteiften sich ihr die Gelenke und ein rissiger Vorhang vergraute ihre Sicht. Mit schweren Gliedern riss sie das rettende Buch wieder auf und entzifferte mit letztem Licht die nächste verschwommene Zeile. Kaum erfasste sie den Sinn des nächsten Worts, klärte sich ihre Netzhaut und der Körper regte sich wieder.

Von diesem Tage an lebte Else in zwei Welten. Bei allem, das sie tat, hielt sie in einer Hand ein Buch. Ein zweites und drittes führte sie immer mit sich, denn sie wusste, was ihr drohte, wenn ihr die Zeilen ausgingen. Einmal hatte sie versucht, eine Schleife zu lesen, den selben Absatz wieder und wieder. Aber sofort ergriffen die Symptome der Versteinerung von ihrem Körper Besitz und sie las schnell weiter, um das Schlimmste zu verhindern.
Das Sprechen während des Lesens fiel Else schwer und sie verständigte sich mit knappen unbeholfenen Gebärden. Die Verrichtungen des Alltags, die tägliche Hygiene, das An- und Auskleiden stellten sie vor große Schwierigkeiten und an Sport oder Kinobesuche dachte sie nicht einmal mehr. Freundinnen hatte sie keine. Die anderen Jugendlichen fanden sie seltsam und wussten nichts mit ihr anzufangen. Die Eltern schickten Else in Therapie, aber die Stunden verliefen unproduktiv.

So wuchs Else auf und hätte sie nicht die lebendigen Welten ihrer Bücher gehabt, die Drachen und Zauberinnen, die Liebenden und die Leidenden, sie hätte längst vor dem steinernen Schlaf kapituliert. Aber ihre papiernen Freundinnen und Freunde, die ihr mehr aus Fleisch und Blut waren als die vorbeirauschende Wirklichkeit, spendeten ihr Trost und Hoffnung.
Else war bereits eine junge Frau, als sie eines Abends beim Spaziergang in der Stadt ihr letztes Buch aus der umgehängten Ledertasche zog. Sie klappte es auf, noch während sie das vorherige schloss und stürzte sich in die Zeilen.
Es gab Bücher, die stießen Else ab. Bücher, die sie einfach übersprungen hätte, hätte sie es sich nicht zur Gewohnheit gemacht, jedes Buch zu Ende zu lesen, das sie einmal begonnen hatte. Das ohnehin notwendige mehrmalige tägliche Buchwechseln beanspruchte sie schon genug.
Ihre Augen jagten unruhig über die Zeilen, wie eine, die in der Oktobernacht durch ein dichtes Waldstück oder eine dunkle Bahnunterführung muss. Der schnelle schritt Elses Augen sollte den Weg verkürzen. So passierte sie gebückt dasitzende Menschen, die schwarze Flüssigkeit tranken und stechend riechenden Haferbrei aßen; stürzte ohne nach links oder rechts zu sehen an verstümmelten Füchsen vorbei; lieben Tieren, deren Gesicht sich mit einem Mal nach außen stülpte. Zuletzt war es ein schlichtes, ein freundliches Bild – eines, das Else die Hölle, in die sie geraten war, ertragen lassen wollte – über das sie stolperte. Ein Dachs legt sich im Bau zur Winterruhe.

Foto: Statue mit Buch

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