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Dock 10

„Was machen wir, wenn die Styx wirklich auftaucht?“, fragte Selma.
„Sie kommt“, antwortete Carla, „am Ende kommt sie immer.“
„In Ordnung.“ Selma drehte den Kopf nach hinten und blickte dann wieder hinaus in den Nebel, der dunkel und schwer über dem Hafen hing. „Aber was machen wir dann?“
„Da gibt‘s nichts zu machen. Wir sitzen hier und lassen den rostigen Kahn an uns vorbei schippern.“ Carla bewegte ihre Hand langsam an ihrem Gesicht vorbei und dann vorbei an Selmas, als wäre ihre Hand die Styx. „Eigentlich schwebt sie … wie ein Geisterschiff … das ist sie ja auch. Sie macht kein Geräusch. Man hört nicht einmal das Wasser gegen den Rumpf plätschern, kein Nebelhorn dröhnen, nur der Nebelscheinwerfer verglüht die Luft.“
„Wieso Verglühen?“
„Metaphorisch sozusagen.“ Carla rollte mit den Augen.
„Ist es das Licht dort vorne?“ Selma zeigte in den Nebel.
„Wenn sie kommt, merkst du es“, sagte Carla. „Das kannst du mir glauben.“
„Wieso nennt man ein Schiff nach einem Fluss?“
„Was?“
„Styx“, sagte Selma, „das ist doch ein Fluss.“
„Das musst du die fragen, die das Schiff gebaut haben.“ Carla tippte etwas in ihr Smartphone. „Es ist nicht nur ein Fluss, sondern anscheinend auch eine Göttin. Die Tochter von Okeanos und Thetys.“
„Wofür ist sie die Göttin?“, fragte Selma.
„Wie meinst du das?“
„Göttinnen sind doch immer für irgendetwas zuständig: Freundschaft, Gerechtigkeit, Liebe.“
„Das steht hier nicht“, sagte Carla. „Konzentrier’ dich lieber auf den Nebel.“ Sie steckte das Telefon ein und richtete die Augen nach vorne.
Die beiden Freundinnen saßen am Pier. Die Beine baumelten über der schroff abfallenden Betonwand, gegen die zu Zeiten, als Dock 10 noch in Betrieb gewesen war, Containerfrachter ihre Bäuche gerammt hatten. Sie rückten näher aneinander als ein kalter Windstoß über den Hafen peitschte und ein Kran heulend krähte.
„Du hast gesagt“, sagte Selma, „ich merke, wenn sie kommt. Wieso soll ich mich dann konzentrieren?“
„Ich muss dir etwas sagen“, sagte Carla ohne sich Selma zuzuwenden. „Es kommt gar kein Schiff.“ Sie senkte den Blick.
Selma schloss ihre Freundin in den Arm. Wasser trübte ihre Sicht, wieder krähten die Kräne und ihr war, als sähe sie im Nebel einen dumpfen wachsenden Schein, als höre sie die schwarze See an den Rumpf der Styx schlagen und als riefe ein Nebelhorn Carlas Namen.

Foto: Hafendock mit der Aufschrift „Dock 10“

2 Gedanken zu “Dock 10

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