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Fassade

Bernhard legte den Kopf tief in den Nacken und blickte die sonnengelbe Fassade hinauf. Von außen sah das Haus freundlich aus, in dem er die letzten Jahre seines jungen Lebens verlebt hatte. Er erinnerte sich noch an den Tag, als er das erste Mal den Fuß in die lichtdurchflutete Lobby gesetzt hatte. Auch damals beleuchtete die Frühlingssonne die Außenwand, durchdrang die weite Halle und tauchte den Garten im Innenhof, wo sich sorgfältig aus Buchsbäumchen geschnittene Elefanten, Flamingos, Kugeln, Quader und Ellipsen tummelten, in gleißendes Licht.
Stolz und glücklich meldete Bernhard sich an der Rezeption an, erhielt sein Namenskärtchen, seine Schlüsselkarte und die Mappe mit den Zugangsdaten. Er konnte immer noch nicht fassen, die Stellung bekommen zu haben. Eine leitende Funktion in einer Consulting Firma. Chief Internet Consultant stand in rot direkt unter seinem Namen. Er schnallte sich das Kärtchen an die Brusttasche seines neuen dunkelblauen Anzugs und richtete seine Krawatte.
„Achter Stock“, informierte ihn der junge Mann hinter dem Schalter. „Die Aufzüge finden Sie dort hinten.“ Er zeigte den Gang entlang.
„Herzlichen Dank“, sagte Bernhard und ging in die bedeutete Richtung.
Mit ihm im Aufzug fuhr eine ältere Dame. Sie trug dicke Hornbrillen und hatte sich ein für einen Schal viel zu großes Tuch um den Hals geschlungen, eine grün und gelb karierte Picknickdecke.
„Guten Morgen“, grüßte Bernhard.
Die Dame nickte.
Bernhard wunderte sich, dass die Dame keinen Knopf gedrückt hatte. „Darf ich Ihnen drücken?“
„Ich fahre mit Ihnen“, sagte die Dame.
Bernhard drückte auf den Knopf, neben dem die Ziffer Acht graviert war und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Das Display zeigte den zweiten Stock an, den dritten und den vierten, aber Bernhard hatte den Eindruck, sie würden nach unten fahren. Als das Display statt der Sieben eine liegende Acht darstellte, wendete sich Bernhard an die Dame, die von dem ungewöhnlichen Vorgang unbeeindruckt dastand: „Wir fahren doch nach unten. Kommt es ihnen nicht auch so vor, als führen wir nach unten?“
„Sie haben recht“, sagte die Dame. „Es kommt auch mir so vor.“
„Ich muss in den achten Stock“, sagte Bernhard.
Die Dame schwieg und der Aufzug fuhr, ohne sein Tempo zu verändern, weiter. Eine Spinne kroch über eines der in die Decke eingelassenen Lichter und versengte sich das Hinterbein. Das surrende Motorengeräusch schwoll an und wieder ab. Zuerst war Bernhard der spröde Ton nicht aufgefallen, aber jetzt beunruhigte ihn die Sinuskurve. Der Spiegel vibrierte und verzerrte Bernhards Spiegelbild, als spiegelte er sich in von einem Stein in Unruhe versetztem Wasser.
„Drücken Sie auf Stop“, bat die Dame.
Bernhard drückte den angewiesenen Knopf. Er fragte sich, was geschehen wäre, hätte er nicht auf Stop gedrückt. Sie standen sekundenlang still, dann öffnete sich die Türe. „Achter Stock“, dröhnte eine angenehme Männerstimme aus dem Lautsprecher. Die Stimme klang vervielfacht, siebenfach mit sich selbst multipliziert: „Achter Stock.“
Bernhard machte einen Schritt nach vorne und legte den Kopf in den Nacken. Die Dame blieb im Aufzug und die Türe schloss sie ein. Die sonnengelbe Fassade des Hauses, in dem er die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte, sah von außen freundlich aus. Er erinnerte sich noch an den Tag, als er den lichtdurchfluteten Eingangsbereich das erste Mal betreten hatte. Damals tummelten sich im Garten sorgfältig zugeschnittene Buchsbaumskulpturen: Elefanten, Flamingos, Kugeln, Quader und Ellipsen.

Foto: Freundliche Häuserfassade mit dunklen, streng angeordneten Fenstern

2 Gedanken zu “Fassade

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