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Schimmern

Die Kette sah aus wie eine Kombination aus einem von einer Katze hochgewürgten Haarknäuel und einem Nierenstein. „Danke“, sagte Clara. „Sie ist sehr … was ist das für ein Stein?“
„Probier sie doch an!“, sagte Tante Hildegard. „Das ist ein Türkis, zwischen dem Kupferdraht. Weil du ja Probleme mit den Zähnen hast.“
Clara hängte sich die Kette um den Hals, der Verschluss ging schlecht zu. „Und jetzt muss ich nicht mehr Zähneputzen?“
„Mach dich ruhig lustig, aber nimm ihn mit nach Sri Lanka.“ Tante Hildegard nahm Claras Hand. „Wunderbar, er passt dir einfach wunderbar. Er hilft auch der Haut und du bekommst besser Luft. Du musst ihn nur manchmal in der Früh in die Sonne legen, um ihn aufzuladen.“
„Wie eine Batterie?“
„Ich hab dich so lieb.“ Tante Hildegard drückte Clara. „Pass auf dich auf. Dass dir nur nichts passiert.“ Sie roch nach Ingwer und Sandelholzräucherstäbchen.

Nach dem Vanillepudding mit Obstsalat beugte sich Hildegard, schon einige Gläser vom süßen Muskateller intus, zu Clara und flüsterte ihr verschwörerisch ins Ohr: „Ich weiß, du glaubst nicht an die Kräfte von dem Stein, aber bitte trage ihn trotzdem Liebes, sonst mache ich mir sorgen um dich. Tu es mir zuliebe. Denk an Samuel.“
Clara zuckte zusammen und rutschte ein Stück von Hildegard weg. „Wie genau, stellst du dir vor, wirkt der Stein?“
„Du musst ihn dir als Energiespeicher denken. Er speichert die Energie der Sonne oder anderer Steine. Jeder Stein ist wie ein Energietransformator und verwandelt die Energie in eine bestimmte Strahlung.“
„Was ist das für eine Strahlung?“
„Das kommt auf den Stein an. Du kannst es fühlen, greif mal, schließ die Augen. Jeder Stein sendet andere Strahlen aus.“
Clara fasste sich an den Hals und Hildegard legte ihre Hand um Claras und drückte sie an den Draht. Das Metall grub sich schmerzhaft in Claras Handflache.
Hildegard sah Clara erwartungsvoll in die Augen. „Fühlst du es? Wie fühlt es sich an Liebes?“
„Kalt und spitz?“
„Der Türkis ist ein kühler Stein, da hast du recht. Fühlst du noch etwas?“
„Meine Hand wird taub.“ Sie befreite sich aus dem Griff der Tante.

„Das Taxi kommt in drei Minuten“, sagte Claras Mutter und steckte das Handy ein. „Am besten ihr geht schon runter. Ich habe euch noch Kekse eingepackt und etwas von dem Pürree, da könnt ihr morgen Fischstäbchen dazu machen. Diesmal ist viel übrig geblieben.“ Sie blickte durch die Vorzimmertür ins leere Wohnzimmer.
Tante Hildegard bedankte sich und ließ sich von Onkel Alex in die Felljacke helfen, die sie zusammen mit ihren hennagefärbten Strubbelhaaren wie eine mythische Hirtengöttin aussehen ließ. Alle umarmten sich und als Clara an der Reihe war, sagte Hildegard zu Clara, so dass es alle hören konnten: „Trag den Stein Liebes, sonst geht es dir wie deinem Bruder.“

Foto: Gekachelte Fläche. Türkis. Gewellter Beton. Aschelücken.

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