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Schlechte Sicht

Karin beugte sich weit vor, ihre Nase berührte beinahe das Armaturenbrett. Der Schneeschlamm benetzte die Windschutzscheibe. Die feinen Schmutzpartikel schillerten in der Wintersonne, die Straße reflektierte das weiße Licht und der Schnee am Straßenrand leuchtete so grell, dass sich die Verkehrsschilder in schwarze geometrische Figuren verwandelten, in rechteckige, runde und dreieckige Silhouetten.
Kaum hatte Karin die Scheiben mit den Scheibenwischern und reichlich Scheibenwischerflüssigkeit notdürftig von Schmutz befreit, legte sich eine neue Schicht auf die Scheibe des Peugeots und verschleierte den Blick in die strahlende Landschaft. Karin beschleunigte. Nach vorne gebeugt sah sie besser und mit zusammengekniffenen Augen erkannte sie die Bodenmarkierungen oder was sie dafür hielt. Zumindest war wenig Verkehr. Sie hatte die Straße für sich und saß allein im Wagen. Im Radio lief Bruckner.
Die Schwester hatte Karin seit Jahren nicht gesehen. Nicht mehr seit dem Streit. Das war nach Ostern, vor vier Jahren. Eigentlich war es kein richtiger Streit gewesen, eine Meinungsverschiedenheit, im Grunde nur ein Missverständnis. Bei ihrer Tochter war Julia empfindlich. Sie hatte ihre Schwester auch nicht deshalb nicht mehr gesehen, aber das Ereignis – man muss es doch Streit nennen – hatte dazu geführt, dass sich niemand der Beiden mehr um Kontakt bemühte. Abgesehen von Julias Anruf gestern Abend. Julia hatte nur gefragt, ob sie kommen könne, es gebe etwas Wichtiges zu besprechen. Mehr hatte sie am Telefon nicht sagen wollen.
Karin zog den Hebel rechts vom Lenkrad zu sich, um die Scheibe erneut zu reinigen, der Scheibenwischer wischte, aber die Drüsen blieben trocken. Der Scheibenwischer rieb und kratzte an der verkrusteten Windschutzscheibe. Karin beugte sich noch weiter nach vorne. Im richtigen Winkel konnte sie durch die Schmutzschicht sehen. Je mehr sie sich vorbeugte, desto mehr drückte ihr Stiefel auf das Gaspedal und sie schoss durch den glänzenden Schlamm.

Das Haus war leicht zu finden, wenn man erst einmal die richtige Abfahrt gefunden hatte. Karin blieb in der Einfahrt stehen und ließ den Motor laufen. Immernoch Bruckner. Sie überlegte, ob sie abwarten sollte, bis nach dem Stück gesagt werden würde, welche Symphonie es war, aber entschied sich dagegen. Sie drehte den Schlüssel und die Lichter auf dem Armaturenbrett erloschen. Draußen hatte es um die Null Grad. Sie stieg aus. Der Zaun war neu und rot gestrichen. In den Fenstern im Erdgeschoß brannte Licht. Karin holte ihren Mantel aus dem Kofferraum und legte ihn sich über die Schultern. Sie sog die Winterluft tief ein und blickte einen Moment in die Sonne, vor die sich Wolken geschoben hatten, sodass das Licht diffus brach und den vorher eisblauen Himmel weißte. Karin ging auf den Eingang zu. Die Tür stand offen. Sie betrat den Vorraum, der direkt in die Küche mündete.
„Ich glasiere“, hörte Karin Julias Stimme rufen. „Leg in Ruhe ab, ich komme gleich.“
„Okay“, rief Karin und zog Stiefel und Mantel aus. „Hast du vielleicht Hausschuhe?“
– Keine Antwort. Karin fand ein paar Filzschlapfen, die ihr nur ein bisschen zu groß waren und ging in die Küche. Julia beugte sich mit einer schokoladebedeckten Teigkarte in der Hand über eine Sachertorte und biss sich auf die Unterlippe. „Ich begrüße dich gleich. Tut mir leid.“
„Die sieht aber schön aus“, sagte Karin.
„So“, sagte Julia und legte die Teigkarte in die Spüle. „Nicht perfekt aber gut genug.“
„Für mich sieht das ziemlich perfekt aus.“
„Eine Freundin hat morgen Geburtstag.“ Julia stellte die Torte auf einen kleinen Marmortisch neben dem Küchenfenster. Dann zog sie ihre Schürze aus und umarmte Karin. „Lass dich drücken, liebes Schwesterchen.“
Karin ließ sich drücken, drückte aber nur verhalten zurück. „Darf ich mir ein Wasser nehmen?“
„Natürlich. Gläser sind hier oben.“ Sie zeigte auf einen Küchenschrank. „Willst du vielleicht einen Kaffee oder einen Tee?“
„Gerne einen Kaffe.“

Karin nippte am Kaffe. Er war sehr heiß. „Was wolltest du besprechen?“
„Ich weiß“, sagte Julia, „es klingt alles ein bisschen dramatisch: Wir müssen etwas besprechen.“ Sie hob die Hände und wackelte mit den Fingern, dazu machte sie Schlossgespenstergeräusche. „Es ist nicht so tragisch, eigentlich ist es ganz harmlos. Eine gute Nachricht … je nachdem, wie man es betrachtet.“
Karin legte den Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen.
„Hattest du eine gute Fahrt?“, fragte Julia.
„Die Sicht war schlecht“, sagte Karin und schwieg.
„Ich gehe weg.“
„Wie du gehst weg?“
Julia legte ihre Hand auf Karins und beugte sich ihr entgegen. „Weg, ich fahre weg. Wohin will ich nicht sagen.“
„Wie lang?“
„Wie lange?“ Julia lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Kaffee. „Brauchst du Zucker?“ Sie machte Anstalten aufzustehen.
„Nein, danke.“ Karin hielt sie am Arm fest. „Bleib sitzen. Was heißt das du gehst weg?“
„Wir trennen uns. Peter ist schon ausgezogen.“
„Ihr trennt euch?“ Karin ließ Julias Arm los. „Und Valerie?“
„Deshalb wollte ich mit dir sprechen.“
„Nimmst du sie mit? Wohin gehst du?“
„Nein“, sagte Julia, „sie bleibt hier. Also nicht hier. Ich meine … ich gehe ohne sie.“
„Kommt sie zu Peter.“
„Ja, zu Peter. Vorerst.“
„Vorerst? Glaubst du, dass ist eine gute Idee? Sie kommt jetzt in die Schule.“
„Ich weiß, es ist nicht optimal. Deshalb brauche ich deine Hilfe. Ich muss weg, Karin, neu anfangen.“ Julia sah Karin direkt in die Augen. „Ich komme nicht wieder. Du kümmerst dich um Valerie. Du musst.“ Ihre Augen glänzten. „Bitte.“

Obwohl graue Wolken sich über die Sonne gelegt hatten, war die Sicht jetzt klarer. Karin fuhr langsam und blieb auf der rechten Spur. Valerie saß am Beifahrersitz und spielte mit dem Handschuhfach. Klack – auf … zu – klick … klack – auf. Karin wollte etwas sagen, aber wusste nicht was. „Stimmt es … Peter weiß, dass wir kommen?“
Valerie reagierte nicht. Zu – klick … klack – auf … zu – klick … klack – auf … zu – klick … klack – auf … zu – klick.

Foto: Vogelschwarm vor eisblauem Himmel. Die Vögel leuchten weiß und schwarz.

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