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Rost

Seine Haut war zerknittertes Seidenpapier, vom Kortison ausgedünnt und vom Alter trocken und brüchig. Ich sah auf meine eigene Hand. Die Venen traten blau und dick hervor, wie unterirdische Flüsse. Meine Fingerkuppen strichen seinen Arm hinauf, streiften die spitze Schulter und blieben auf der Brust liegen. Er atmete schwer. Meine Hand hob und senkte sich mit seinem Atem. Jetzt, wo wir hier waren, glaubte ich, dass es gut war – dass er recht gehabt hatte. Trotz des langen Weges. Er sah zufrieden aus. Die Ärztin hatte gesagt, sie könne ihm nur von der Reise abraten, aber abhalten könne sie ihn nicht und dabei hatte sie ihm die Hand auf den Arm gelegt und mir zugenickt. Die Sonne schillerte durch die Bambuswand. Die Tür der Hütte klapperte, vom warmen Februarwind bewegt.
In Wien, im stürmischen Wien, im groben, im sudernden Wien, hatte er oft von den Andamanen geredet. Wir saßen am Abend bei einem Glas Wein zusammen, bei einer zerkratzten Platte von Nat Cole oder Nina Simone und erzählten uns Geschichten aus der Zeit, bevor wir uns kannten. Ich erzählte von meinem Studium in Barcelona, von den Nächten im Eixample Izquierda, von der weinroten Morgensonne am Carrer d’Aragó. Und er erzählte immer von hier, von seiner Zeit auf den Andamanen. Von den Stränden, weiß wie Weizen im Junilicht, vom Geruch gestoßener Koriandersamen, von den Krokodilen, die er nie gesehen hatte, die aber in warnenden Schildern lebten. Damals gab es noch die tauchenden Elefanten, sagte er immer, berüsselte Riesenfische mit Baumstammflossen. Dann legte ich meinen Kopf auf seine Brust und er wickelte meine Brusthaare um seinen Zeigefinger, sodass es zwickte.
Jetzt war ich es, der den weißen Flaum auf seiner Brust kitzelte und damit seine schneeblauen Augen öffnete. Nebelschwaden verschleierten seinen Blick. Er drückte die Lider zu und die rissigen Lippen verdünnten sich zu einer schwarzen Linie, die sein Gesicht verschloss, bevor es sich auffaltete.

Foto: Verrostete Roller mit andamarischen Kennzeichen.

3 Gedanken zu “Rost

  1. „Schneeblau“ ist eine etwas schwierige Farbkomposition… Nichts gegen ausgefallene Vergleiche, aber bei diesem Wort, unter dem ich mir genau genommen nichts vorstellen kann, fallen mir nur die Augen der Weißen Wanderer von GoT ein…

    1. Ich finde das nicht einmal so ausgefallen. Schnee in den Bergen ist im richtigen Licht ziemlich blau. Das ist so ein blendendes, kühles Blau. Ich kenne es vor allem vom Skifahren. Es hat wahrscheinlich damit zu tun, wie der Schnee blaues Licht reflektiert. Manchmal ist es eigentlich recht dunkel, aber es ist so intensiv, dass es sich hell anfühlt.

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