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Blütengrund

Der Boden roch nach Parkettspülmittel. Am Glastisch standen zwei Gläser Merlot und eine Schale mit Cashewnüssen. Ansonsten nichts.
„Die Sätze sagen mir nichts mehr.“ Grete rührte nicht Wein noch Nüsse an. „Es gibt keinen einzigen Satz, der mir noch etwas sagt.“
Ich nahm eine Cashewnuss und sah mich im eigenen Wohnzimmer um wie in dem einer Anderen. Indirektes Licht sorgfältig platzierter Lichtquellen verlieh dem Raum ein freundliches Ambiente. „Ja“, sagte ich.
„Sich nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen. Das hat mir einmal Mut gemacht.“ Grete hielt den Stiel des Weinglases fest und schnippste gegen den Rand, sodass es klirrte.
„Womöglich ist es geschehen“, sagte ich, ohne daran zu glauben.
„Politisiert werden“, sagte Grete.
Ich zuckte mit den Schultern.
Grete nahm das Weinglas und schwenkte es. Ich fragte mich, ob der Wein auf die Couch oder nur auf Gretes Hose oder Bluse Schwappen würde, falls sie sich verschätzte und verbarg meine diesbezügliche Nervosität. Leidlich. Grete schüttete das halbe Glas in ihren Hals, wobei ihr ein Tropfen von der Lippe über das Kinn lief, den sie mit dem Finger abfing. Sie stellte das Glas zurück auf den Tisch und sah mich an. Ich deutete ihren Blick als Herausforderung. Wozu, wusste ich nicht.
„Damals hat es sich anders angefühlt“, sagte Grete. „Wie ein Kennenlernen. Die Welt ging mir auf. Marx aus zweitem und drittem Mund. Kapitallesekreise: immer wieder die ersten hundert Seiten. Einführungsbände lesen, um im Kapitallesekreis gut dazustehen. Ein Stück aus dem dritten Band lesen, das niemand kennt, um noch besser dazustehen.“
Ich kaute auf meiner Cashewnuss.
„Von diesem ausgespuckten Marx haben wir gelernt“, sagte Grete, „dass die Probleme der Welt mit dem Kapitalismus zusammenhängen. Dass die Menschen die Produktion im Kapitalismus auf eine Weise eingerichtet haben, die ihnen nicht bekommt. Dass die Maschinerie sie mitschleift. Dass ihre Bedürfnisse nur hinsichtlich ihrer Zahlungskraft zählen.“
Mein Weinglas war zu voll und ich fürchtete, wenn ich es nähme, vergösse ich den Wein. Ich erwog, mich zu dem Glas zu beugen und etwas davon abzuschlürfen, aber das kam mir grob und unfein vor. Das Weinglas blieb unangerührt.
„Wir wussten es“, sagte Grete. „Wussten wir es nicht?“
„Wir wussten es“, sagte ich und hob, womöglich von der Rede ermutigt, mein Glas, um einen Schluck davon zu trinken. Es gelang.
„Aber die Menschen wollten nicht hören. Es war nicht ihre Schuld. War es ihre Schuld?“
„Wie konnten sie es wissen?“, sagte ich und wagte es nicht, noch eine Nuss zu nehmen, obwohl mich eine wohlgeformte anlachte, aber erst hätte Grete eine Nuss nehmen müssen, damit ich mir eine weitere Nuss genommen hätte. Ich schob die Schale in ihre Richtung.
„Wir mussten es ihnen klarmachen. Sie hatten nicht unser Glück. Waren nicht politisiert worden. Nicht zufällig mit Leuten in Kontakt gekommen, die ihnen gezeigt haben, dass ein Prinzip hinter dem Lauf der Welt steckt.“
„Glück“, sagte ich, „sonst nichts. Privileg.“
„All das kann ich nicht mehr glauben, ich sage es, aber die Worte scheppern wie beschädigte Baumaschinen.“ Ihr Arm bedeutete den Raum. „Manchmal wünsche ich mir, der Boden wäre zerkratztes Laminat und wir säßen auf dem Boden und wenn unser Dosenbier umfiele, dann lachten wir.“
„Du romantisierst das Elend“, sagte ich und schämte mich, zu Grete gesprochen zu haben, als spräche ich zu einer, die es nicht besser wusste. Ich hatte das Bedürfnis den Wein mit dem Rücken meiner Hand über den Parkett zu stoßen, ohne dabei das Sofa zu beschädigen. „Ich weiß, was du meinst“, sagte ich. Ich hätte es gerne gewusst.
„Ich sehne mich nach dem Gefühl, Bescheid zu wissen“, sagte Grete. „Stattdessen weiß ich immer weniger. Was weiß ich schon? Ich habe kapituliert. Bei mir sieht es so aus wie bei dir.“
Sie meinte es nicht böse, also sagte ich: „Ja.“
„Irgendetwas tun, das etwas bringt. Ich glaube nicht, dass du mich verstehst.“
Ich glaubte schon, dass ich sie jetzt verstanden hatte, aber so war nun einmal das Leben und deshalb nahm ich das Weinglas und hob es, um mit ihr anzustoßen. „L‘chaim.“
Grete reagierte nicht. „Das Dilemma auszuhalten, darauf war ich einmal stolz. Jetzt kann ich es leicht. Das ist schlimmer. Verstehst du warum?“
Ich verstand warum, aber ich hatte mich an das Gefühl längst gewöhnt. „Man gewöhnt sich daran.“ Es hätte ein Witz sein sollen, aber Grete lächelte nicht.
„Es ärgert mich noch manchmal“, sagte sie und nahm sich endlich eine Nuss.
„Es hätte ein Witz sein sollen“, sagte ich und sah ihr dabei zu, wie sie die Nuss zwischen den Fingern drehte, sie mit dem Zeigefinger abrieb. Das Salz und das Fett der Nuss auf ihrer Hand verteilte, die Nuss in die Falte zwischen ihren Fingern klemmte und schließlich zurück auf den Tisch legte.
„Es fühlt sich so an“, sagte Grete und räusperte sich, „wie vor einem brennenden Haus zu stehen. Das Feuer lodert so hoch, dass ich mich kaum nähern kann. Die Hitze verbrennt mein Gesicht und der eiserne Griff des Wassereimers verglüht mir die Handflächen. Ich kippe das Wasser auf den Asphalt vor dem brennenden Haus und es steigt als Dampfwolke auf. Ich gehe zurück zum Brunnen, aber er ist leer.“
Ich nahm jetzt doch eine Nuss, denn ich hatte keine Lust mehr, ihr dabei zuzusehen, wie sie mich wissentlich und aus Bosheit quälte. „Zumindest hast du ein Ziel“, sagte ich.
„Ich setze mich an den Brunnen und sehe das Haus brennen. Menschen kommen gelaufen und sagen mir, was ich zu tun hätte, um den Brand zu löschen. Sie zeigen auf die Eimer. Ich zeige auf den Brunnen. Sie zeigen auf das Haus, das noch einmal auflodert, als bäumte es sich ein letztes Mal auf, um spektakulärer zu stürzen. Ich zeige auf die leeren Eimer. Sie zeigen auf den Brunnen. Ich zeige auf den Brunnen. Ich stecke meinen Kopf in den Brunnen, auf dessen staubigem Grund ein Oleander blüht.“

Foto: Eine Löschstation. Vier rote Eimer hängen an einer schwarzen Metallstange. Auf einem der Eimer steht ‚Fire‘. Im Hintergrund wächst ein Oleander, der seine Äste wie Arme streckt.

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