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Tagsüber hatten sie Mandarinen gepflückt

Sie schnitt mit dem Messer einen Äquator in die Schale ihrer Mandarine. Schälte erst den Süden und dann den Norden.

Er polierte seine Mandarine mit einem Geschirrtuch und hielt sie sich an die Nase. Er drückte sie zwischen den Handflächen, dann öffnete er die Hände, sodass er wie ein Bettler aussah, der ein Almosen empfangen hatte oder wie jemand, der eine Gabe darbot.

Sie entsorgte die Schale ihrer Mandarine. Teilte die Mandarine in zwei Hälften. Nahm die erste in die linke Hand und zupfte die Fäden ab. Drückte die Kerne aus der Mandarinenhaut und legte sie beiseite. Sie wiederholte den Vorgang mit der anderen Hälfte. Entsorgte die Fäden und Kerne. Zerlegte die Hälften in einzelne Spalten.

Er drückte die Daumen in die Schale seiner Mandarine. Dort, wo ein Rest des Ästchens, an dem sie einmal gehangen hatte, die Stelle markierte, unter der sie hohl war. Er riss die ungeschälte Mandarine in zwei Hälften, stülpte die Schale um und drückte das Fleisch heraus.

Sie zog die Haut ihrer Mandarine ab. Das darunterliegende Fleisch leuchtete und Mandarinensaft benetzte ihre Finger. Sie hielt das Messer weit vorne, wie ein Skalpell.

Er schob sich die Stücke in den Mund, mit den weißen Fäden und dem festen weißen Strang in der Mitte, mit den Kernen und mit der Haut. Er kaute auf Mandarinenspalten. Sie schmeckten ledrig und trocken. Er schob sich weitere in den Mund. Die Masse in seinem Mund schmeckte wie rohes Schweinefleisch. Er legte nach und nach.

Sie leckte an der von der Haut befreiten Mandarine und betastete die Oberfläche mit ihrer Zunge, bevor sie die Spalte einsaugte und mit geschlossenem Mund kaute. Die Mandarinenspalten standen aufrecht nebeneinander auf dem rechteckigen weißen Teller, von dem sie immer ihre Mandarine aß.

Foto: Eine alte Häuserfassade, aber ohne Haus dahinter.

2 Gedanken zu “Tagsüber hatten sie Mandarinen gepflückt

  1. Eine schöne Gegenüberstellung mit einem leichten Hang zu Geschlechterklischees 😉
    Meine Mandarinenkultur liegt wohl irgendwo zwischen ihm und ihr, Beat(e) eben 😉

    1. Diese Klischees sind fies. Kaum passt man nicht auf, sind sie da. 😦 Es freut mich aber, dass dir die Geschichte trotzdem gefallen hat. Vielleicht tausche ich bei Gelegenheit einfach die Geschlechter. Es ist sollte ansich nicht so wichtig sein. Nur muss es Sie und Er sein, damit man die Beiden auseinanderhalten kann.

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