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Der Kumpf des Engels

Der siebte Pimmel war kein Etablissement, aber auch keine Absteige. Er war die Art von Bar, in die man ging, weil sonst in der Nähe nichts mehr offen hatte. Es gab immer Mottos. Heute war der erste Freitag im Monat: Engelsnacht. Wer Engelsflügel trug, bekam einen Cosmopolitan gratis. Die Anderen hatten etwas eingeworfen und wollten noch Tanzen gehen. Ich fühlte mich müde und hatte keine Lust, ans andere Ende der Stadt fahren, wenn ich schon so gut wie zuhause war.
Ich verabschiedete mich und blieb. Meine Flügel waren verrutscht und ich zupfte sie zurecht, bevor ich an der Bar ein Bier bestellte. Steffen zapfte mein Bier und ich fragte ihn nach der Sperrstunde. Er antwortete nur, ich müsse mir noch keine Gedanken machen, im Darkroom sei noch einiges los. Oben sah es nicht danach aus. In einer Ecke machten zwei junge Engel rum, die Hände vorne in der Hose des anderen. Neben mir hing ein haariger Engel über einem Hefeweizen. Er trug seine Flügel auf dem nackten Oberkörper; die Lederriemen drückten sich in sein Fleisch. Steffen stellte mir mein Bier hin und ich bezahlte. In den Darkroom wollte ich nicht, also rückte ich näher an den haarigen Engel heran und prostete ihm zu. Er nickte und stellte sich als Heiner vor. Ich sagte meinen Namen und trank.
„Kommst du oft?“, fragte ich und musterte sein Gesicht. „Ich habe dich hier noch nie gesehen.“ Seine Wangen zogen nach unten wie die Backen einer alten Dogge.
Heiner stöhnte oder grunzte. „Ich bin immer da, mache alles mit. Engel, Teufel, Toga, Yoga.“ Er lachte. Vielleicht hatte er schon vorher gelacht, denn sein Lachen ähnelte dem Laut, den er vorher von sich gegeben hatte. „Ich wohne ums Eck“, sagte er noch.
„Ich auch.“ Es war mir unangenehm, dass ich ihn offenbar bisher übersehen hatte, also sagte ich noch: „Aber ich komme nicht so oft und meistens eher spät. Da haben wir uns wohl immer verpasst.“
Er kniff die Augen zusammen. „Es ist schon in Ordnung. Bin es gewohnt, ich bin kein auffälliger Typ, passe mich an.“
Ich sagte, ich fände ihn eigentlich doch auffällig, er habe Ausstrahlung. Dabei berührte ich seinen Oberarm, den schwarzer Flaum bedeckte. Beim Wegnehmen der Hand fuhr ich den Arm hinauf zur Schulter. Seine Haut war trocken, aber die Haare pelzig. Er sah mich an, als wäre er nicht sicher, ob ich mir einen Spaß mit ihm erlaubte, weshalb ich ihn zur Bestätigung an der faltigen Wange berührte und ihm gerade heraus sagte, dass er mir gut gefalle.
Heiner richtete sich auf seinem Hocker auf. „Sollen wir zu mir gehen?“ Seine Wangen hoben sich ein Stück. Es sah nicht aus, als lächelte er.
„Wohnst du näher als ich?“, fragte ich.
„Nächster Block“, sagte Heiner.
Ich nickte. Wir ließen unsere halb leeren Biere stehen und ich folgte ihm nach draußen. Er zeigte nach links und wir gingen in die bedeutete Richtung. Beim Gehen senkte und hob sich seine Brust und die hängenden Flügel pendelten von Seite zu Seite; beinahe wie echte, schlappe, von Rauch vergilbte Engelsschwingen.

Ich hatte mir seine Wohnung anders vorgestellt, ein bisschen wie ihn, speckig, haarig, faltig. Aber sie war sauber und kühl: neuer Laminat, ein großer dunkelblauer Teppich, Glastisch, schwarzes Kunstledersofa. An der Wand hingen merkwürdige Objekte, die wie Holzkondome aussahen. Manche waren bemalt, andere mit Schnitzereien verziert. Wir legten unsere Flügel ab und Heiner zog sich ein frisches Hemd an.
„Das sind Kumpfe“, sagte er, als ich ein mit Klatschmohn und blauen Kornblumen verziertes Exemplar begutachtete. „Für Wetzsteine.“ Als ich ihn immer noch verwirrt ansah, fügte er hinzu: „Sensenwetzsteinbecher.“
Ich fragte, ob ich sie angreifen dürfe und er bejahte, wobei sich wieder seine Backen hoben. Der Holzkumpf fühlte sich glatt und hart an.
„Greif hinein“, sagte Heiner.
Ich griff von oben in den Kumpf und zog einen rauhen, elliptisch geformten Stein heraus.
„Damit schleift man Sensen“, erklärte Heiner. „Früher trug man die Becher an einem Gürtel um die Hüfte geschnallt. Darin hielt man die Wetzsteine feucht.“
Ich steckte den Stein zurück und setzte mich auf das Sofa. Heiner dimmte das Licht, sodass die Kümpfe an den Wänden im Halbdunkel verschwanden und setzte sich neben mich. Er saß regungslos da und starrte nach vorne, wo ein großer Flachbildschirm die Straßenbeleuchtung spiegelte. Ich öffnete Heiners Hose und er ließ mich ihm einen blasen. Er wischte sich ab, packte ein und holte mir den Kumpf herunter, den ich vorher befingert hatte.
„Darf ich ihn dir schenken?“, fragte er und streckte ihn mir entgegen.
Ich nahm den Kumpf und drehte ihn, damit der Wetzstein herausfiel.
„Der Wetzstein ist original“, sagte Heiner und steckte ihn zurück in den Köcher. „Den musst du dazu nehmen.“ Und er legte seine Hände über meine, die den Kumpf wie im Gebet umschlossen.

Foto: Ein Graffito von einem Engel auf einer Betonwand.

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