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Der Turm

Um einen Jenga-Turm saßen Hugo, sein Vater und seine Mutter. Den Glastisch hatte der Vater mit grünem Filz abgedeckt, damit der Turm beim Einstürzen nicht klirrte. Eine tief hängende Deckenlampe beleuchtete den Tisch, schwang langsam im Luftuzg; der gitterne Schatten des Turmes versteckte sich vor dem Licht.
„Warte“, Hugos Mutter hielt Hugo zurück. „Du warst doch gerade dran.“
„Ich war noch nicht dran.“ Hugo hob beide Hände zum Protest. „Papa hat gerade diesen Block gelegt und jetzt bin ich.“
„Stimmt“, sagte sie nach kurzem Überlegen, „aber soll nicht trotzdem besser ich? So hoch haben wir noch nie gebaut.“
„Ich kann es aber.“ Hugo streckte seine Hand vor, die Handfläche zum Tisch und bemühte sich, sie ruhig zu halten. „Schau wie ruhig ich sie halte. Das kommt vom Malen. Wenn ich groß bin, werde ich Maler.“ Der Schatten seiner Hand zitterte am Filz.
Die Mutter sah zu ihrem Mann und blies Luft durch die Zähne.
„Es ist doch ein Spiel, Luise“, sagte der Vater. „Lass es ihn probieren.“
„Schau wie er zittert.“ Sie zeigte auf Hugos Hand, die immer noch in der Luft hing. „Ist dir kalt? Soll ich die Heizung anstellen?“
Hugo zog die Hand zurück und drückte sie sich an den Bauch. „Mach du diese Runde und ich die nächste.“
Die Mutter fand einen lockeren Stein in der Mitte und schob ihn vorsichtig an, bis er ein Stück aus dem Turm ragte. Dann zog sie ihn von der anderen Seite heraus und legte ihn oben auf. „Bist du gelähmt“, sagte sie. „Das ist sicher ein Rekord.“ Sie hielt ihre Hand über den Turm und maß den Abstand zur Lampe. „Fast bis zur Lampe.“
„Magst du statt mir, Hugo?“ bot der Vater an. „Es wird immer schwerer.“
Hugo nickte, nahm einen Schluck Wasser und beäugte den Turm sorgfältig von links und rechts, von oben und aus einem flachen Winkel, das Kinn am Tisch. Er tippte leicht gegen einen Stein im oberen Drittel. Der Stein bewegte sich nicht, aber der ganze Turm schwankte.
„Da geht‘s nicht“, sagte die Mutter. „Machen Sie die Augen auf, Herr Maler.“
„Lenk ihn nicht ab“, sagte der Vater.
„Wenn er sich so anstellt.“ Die Mutter lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
Hugo fand einen Stein nahe der Basis, der sich leicht bewegen ließ. Er legte die Zeigefinger beider Hände auf jeweils eine Seite und führte ihn behutsam zu sich. Der Turm wackelte, aber stürzte nicht ein. Hugo wischte sich Schweiß von der Stirn, bevor er den Stein mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand fasste und herauszog. Er hob ihn hoch über seinen Kopf, als hielte er Excalibur, frisch aus dem Fels gezogen.
„Nicht schlecht“, sagte die Mutter, „Jetzt vorsichtig auflegen.“
Hugo senkte den Stein über dem Turm und legte ihn ab. Doch beim Wegziehen, seine Finger waren vom Schweiß klebrig, blieb er hängen, die Konstruktion wippte zuerst zu Hugo, schwang zurück und kippte zur anderen Richtung um, sodass sich die Steine auf den Tisch und den Boden zwischen seinen Eltern verstreuten.
Hugo sprang auf. „Nicht bewegen“, rief er und rief es mit solcher Überzeugung, dass Vater und Mutter in der Pose verharrten, halb vornübergebeugt, sich nach den zerbrochenen Steinen zwischen ihnen bückend, im matten Schein der wieder stärker baumelnden Lampe, die Hugo beim Aufspringen bewegt haben mussten; und blieben so – nur ihre Schatten rührten sich – bis Hugo mit seinem Telefon zurückgekommen, die Szene aus mehreren Ansichten fotografiert und die Bilder im Ordner „Malen“ abgelegt hatte. Als Hugo schließlich nickte, damit anzeigend, dass die Eltern sich wieder bewegen dürften, blieben sie wie gelähmt auf ihren Stühlen sitzen und blickten auf den eingestürzten Jenga-Turm.

Foto: Rostige Stahlträger, die man zu einem Turm gestapelt hat.

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