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Die Grube

Noch zwei Wochen bis zum Kampf. Möglich waren fünfzehn Meter am Tag. Sechzig hatte Jonathan schon. Bei zweihundertsechzig Metern Grubenumfang würde er also am Tag des Kampfes fertig. Vorausgesetzt er schaffte jeden Tag die fünfzehn Meter; unwahrscheinlich, weil manchmal die Bretter ausgingen, oder weil es derart goss – wie vor drei Tagen – dass er nur am Bauch liegend arbeiten könnte. Dann schaffte er keine fünf Meter. Also vierzehn Tage unter idealen Bedienungen und trotzdem würde es knapp. Das war‘s dann wohl. Er sah nach oben. Der Himmel war ein blauer Kreis, von dem aus eine punktgroße weiße Sonne in die Grube brannte. Ob ihn jemand vermissen würde? Er konnte sich nicht einmal in den Schatten an der Grubenseite drücken. Wegen der Stacheln: Die Oberin liebte Stacheln. Der ganze Kampf war primitiv. Man sollte statt zusätzliche Galerien zu bauen, die Grube mit Wasser fluten. Ein gewaltiges Wasserloch, das wäre eine Attraktion.
Zugegeben, die Leute kamen zu den Kämpfen und johlten und tobten so ausgelassen, dass die Hälfte des Publikums dabei in die Grube stürzte und draufging. Aber das taten sie, weil die Oberin es so wollte und wegen des Suds. Jonathan rührte das Zeug nicht an – das heißt nicht mehr. Der Sud machte einen verrückt. Ein Krug reichte und man fühlte sich wie eine wilde Sau, der man mit einem Speer oder einer Machete die Flanke geöffnet hatte. Aber man fühlte sich gut dabei, der Sud löschte die Distanz aus. Man fühlte sich nicht nur wie eine Sau, man war eine, man tobte und der Sud brannte im Magen, ätzte die Kehle hinauf und durch die Adern in den Kopf bis gegen die Schädeldecke. Und in Arme und Beine, in die Spitzen der Finger und unter das Nagelbett. Nach ein paar Krug Sud denkst du nicht mehr, du bist einfach da, aber nicht ruhig, sondern getrieben und rastlos.
Am nächsten Tag sind die Menschen übrigens nicht beschämt oder erleichtert, wieder bei Sinnen zu sein. Sie wollen nur wieder in diesen Zustand zurück, in die Raserei. Frag beim Kampf irgendwen im Publikum – nein, das geht nicht, frag besser vor dem Kampf – wie sie sterben wollen. Jeder wird dir sagen: „In der Raserei, im Sud will ich verrecken wie ein Viech, im vollen Sud, so dick im Sud, dass ich nicht mehr weiß, wer ich einmal war.“
Im Sud sterben, das ist es. Du fürchtest den Tod nicht mehr, du stürzt dich ihm entgegen und lieferst dich ihm lachend aus. Deshalb lasse ich die Finger vom Sud und deshalb kommen die Leute zur Grube, weil sie wissen, dass eine gute Chance besteht, draufzugehen. Sie wollen eigentlich dortbleiben. Bringen nichts mit: Den Sud bekommen sie dort, Sud gibt es immer genug und sonst brauchen sie nichts.
Es gibt einen – ich kenne ihn gut – der steht vor jedem Kampf an der Grubenschlucht, wo alle durchkommen, die zum Kampf wollen. Und er versucht die Vorbeiströmenden davon zu überzeugen, den Sud nicht zu trinken, nicht zum Kampf zu gehen. Die Oberin lässt ihn reden, sie weiß, dass er nichts ausrichten kann. Sie weiß, dass er ihr letztlich sogar hilft. Dieser Prediger – eigentlich ist er ein alter Dockerarbeiter, so wie ich, aber alle nennen ihn nur den Prediger – redet auf die Leute ein. Sagt ihnnen, der Kampf wäre ihr Untergang, der Sud würde ihnen das Menschsein rauben. Aber sie lachen ihm ins Gesicht. Das wollen sie nämlich gerade, man sieht es ihnen an. Aber warum lachen sie? Sie lachen ihn nicht aus, sie lachen, weil sie glauben, dass er sie verhöhnt. Ich weiß, dass es nicht so ist, dass er sie retten will, dass er glaubt, sie retten zu können, vor dem Sud, vor dem tierischen Dasein. Er glaubt, es gäbe schon Menschen. Zumindest hat er das geglaubt.
Jonathan wischte sich über die Stirn. In vierzehn Tagen war es nicht zu schaffen. Das heißt: diesmal würde er nicht predigen. Schön, wenn zumindest jemand sein Fehlen bemerkte und sagte: „Wo ist denn eigentlich der Prediger heute? Eigentlich schade, dass er aufgegeben hat.“

Foto: Ein Arbeiter legt einen Steg über einen Abgrund.

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