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Der Puppenspieler

Hätte sie ein durchschnittliches Gesicht gehabt, er wäre weitergegangen. Aber so ein Gesicht gab es nicht zweimal. Kein Mensch hatte so ein Gesicht.
Peter drehte sich um und folgte der dünnarmigen Gestalt die menschenleere Straße hinunter. Am Rücken der Figur klaffte ein Riss, genau dort, wo Peter am Morgen beim Schnitzen abgerutscht war. Er hatte überlegt, den Schaden auszuschleifen, sich aber dann dagegen entschieden. So sah es besser aus. Allerdings wünschte er jetzt, da der Oberkörper sich hundertfach vergrößert vor seinen Augen schälte, er hätte seine Schnitzerei natürlicher proportioniert – menschlicher.
An einer Ecke blieb die Figur stehen und lehnte sich gegen eine Laterne, als wartete sie auf etwas. Peter drückte sich in einen Hauseingang und steckte den Kopf auf die Straße. Die Kreatur schien ihn nicht zu bemerken. Sie hatte die Beine lässig überkreuzt, die Pose wirkte wie aus einem Modemagazin. Es öffnete sich eine rostige Tür des fünfziger Jahre Baus, dessen Mauer Peters Mantel beschmutzte. Aus der Tür trat eine weitere seiner Figuren, eine ältere Arbeit. Sie trug eine kakifarbene Baskenmütze und das Gesicht war grob. Peter erinnerte sich an die Schnitzerei: Er hatte die Rinde im Gesicht stehen lassen, weil ihm die Textur, das Unbehandelte gefallen hatte. Freilich ohne damit gerechnet zu haben, der Figur einmal ins lebensgroße Antlitz sehen zu müssen. Er griff nach dem Schnitzmesser in seiner Tasche. Das geschliffene Holz in der Hand beruhigte ihn. Er fühlte den Rücken der eingeklappten Klinge kalt an der Knöchelinnenseite.
Die beiden Schnitzerein legten einander die Arme auf die Schultern. Es sah aus wie die Begrüßung zweier Freunde, die sich einmal nahe standen, aber lange nicht gesehen hatten. Eine der Figuren warf den Kopf klackend in den Nacken und legte ihn an die Brust. Das wiederholte sich einige Male. Die andere lachte auf die gleiche Weise. Ihnen fehlten die Münder, aber ihre Köpfe wippten vor und zurück oder legten sich auf die Seite, als unterhielten sie sich angeregt. Ab und zu sahen sie in die Richtung des Hauseingangs, in dem Peter sich versteckte; zumindest kam es ihm so vor.
Die jüngere Figur, der er zuerst gefolgt war, hob jetzt gelegentlich den Arm und deutete in der Luft, als gäbe sie Anweisungen. Peter sah sich um. Immer noch war kein Mensch zu sehen. Mit dem Handy fotografierte er seine zum Leben erwachten Schnitzereien. Kaum hatte er abgedrückt, kamen sie auf ihn zu. Sie gingen nicht schnell, beinahe gemächlich, aber zielstrebig. Peter gab seine Deckung auf, bevor er in der schmalen Einbuchtung gefangen wäre und hetzte, ohne zu laufen, den Weg zurück, den er gekommen war. Er blickte immer wieder hinter sich: Die Figuren folgten ihm. Obwohl sie scheinbar langsam gingen, näherten sie sich. Und sie vermehrten sich. Aus allen Türen und Fenstern strömten seine Schnitzereien. Bald hatten sie ihn eingekreist und zwangen ihm einen Weg auf wie Bluthunde einem gehetzten Fuchs.
Ohne Ausweg griff Peter in seine Tasche und zog das Schnitzmesser hervor. Er klappte es auf und hielt es hoch über seinen Kopf. „Mit diesem Messer habe ich euch gemacht. Ihr seid meine Kinder, meine Schöpfung. Wagt nicht, euch gegen euren Meister zu erheben. Ich beschwöre euch: Folgt mir und die Welt wird unser Spielplatz sein.“
Die Figuren klapperten, ratterten und klackten. Es klang wie einstürzende Dominos. Hundert augenlose Gesichter fixierten die Messerspitze. Peter deutete Richtung Stadt und die Holzarmee setzte sich in Bewegung.

Foto: Kohlgesicht

7 Gedanken zu “Der Puppenspieler

      1. Wie gesagt, die Verbindung ist sehr vage und richtet sich vor allem auf das letzte Bild in der Geschichte. Bei Barker geht es um die Hände eines Mannes, die beginnen, ein Eigenleben zu führen. Eine von ihnen ist eine Art Messias, die andere ihr Handlanger. Der Mann wird dazu gezwungen, sich den Handlanger abzuschneiden. Die Hand bricht danach auf und stellt eine Armee aus Händen auf, die dann dem Mann, der ja immer noch die Messiashand an sich trägt, nachstellt.

        Bei Barker ist der Mann also eher das Opfer, aber die Stimmung in deiner Geschichte hat mich sehr an die Darstellungen dort erinnert. Es gibt eine Szene, in der die Hände in den Kronen von Bäumen sitzen und es überall raschelt und murmelt, bevor sie dann die Verfolgung aufnehmen. Nur, dass der Mann am Ende den Freitod wählt, um den Messias der Hände mit in den Tod zu reißen. Barker eben 😉 .

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