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Dämmerungsgesicht

Die Promenade erinnerte an das Frühstücksbuffet meines Hotels. Stellen zum Verweilen – ein Einstieg ins Meer, eine Bank, eine mit Moos bewachsene Mauer – wechselten sich mit Promenadenstücken ab, auf denen der Blick in die Ferne schweifen musste, um nicht zu verhungern: zum halbdunklen Himmel, zum Sichelmond über dem violetten Meer. Es roch nach Salz und eine Möwe kreischte so schrill, dass ich in ihr den Oberkellner zu erkennen meinte, wie er das Personal anwies, Schinken nachzulegen.
Ich war vielleicht zehn Minuten spaziert, da weitete sich der Weg und bildete ein Plätzchen. Auf der einen Seite führte eine Treppe mit gusseisernem Geländer ins Meer, auf der anderen war ein übermenschengroßes Gesicht in die Wand gehauen. Der Stein war vom kristallisierten Salz weiß und die Witterung hatte die Gesichtszüge angefressen. Die Nase war abgeschlagen, die Augenbrauen bröckelten, und statt Haar wuchsen Flechten und schwarzer Schimmel. Es mag einmal eine Fontäne gewesen sein, denn der Mund war spitz und etwas schimmerte darin. Auch die Pupillen waren runde Löcher, aber ohne Tiefe.
Eine Bank gab es nicht, also lehnte ich mich neben dem Gesicht an die Mauer und sah dorthin, wohin es vermutlich seit hundert Jahren blickte. Um diese Zeit war die Promenade belebt. Immer wieder gingen Badegäste an mir vorüber. Ein Pärchen in Abendgarderobe, Kinder, die Fangen spielten, ein Mann mit Pudel, eine Frau mit Schäferhund. Die meisten bemerkten mich gar nicht. Der Platz war beleuchtet, aber das Gesicht lag im Dunkel.
Bis eine Frau direkt auf das Gesicht zu ging und sich auf die freie Wandseite lehnte. Sie hatte dichtes Haar, das einmal schwarz gewesen sein musste und trug ein dunkelgrünes Sommerkleid. Das Kleid ging ihr bis über die Knie und flatterte im Wind.
Als eine Zeit lang niemand an uns vorbeiging sagte sie: „Das ist unser Engel der Geschichte.“ Sie sagte das auf deutsch, mit kroatischem Akzent, vielleicht sah man mir meine Herkunft an.
Weil ich nicht wusste, was sie damit meinte, sagte ich: „Sind Sie von hier?“ Mehr um zu zeigen, dass sie richtig geraten hatte.
„Trümmer sieht er keine“, sagte sie, „überhaupt sieht er nicht wie Sie oder ich.“ Sie sprach sorgfältig, in ernstem Ton und ohne mich anzusehen. Sah hinaus aufs Meer, den Blick immer etwas gesenkt, so wie das Gesicht, als stimme doch nicht ganz, was sie mir erzählte.
Sie sagte lange nichts und ich fragte: „Was sieht er?“
„Fünf Euro“, sagte die Frau.
Ich war nicht sicher, ob sie das Geld als Bezahlung haben wollte, oder meine Frage damit beantwortet war. Auch jetzt sah sie mich nicht an, sondern stierte die Blicklinie des Gesichts entlang. Die fünf Euro hätte ich ihr für die Antwort gegeben, aber ich wollte nicht riskieren, mich zu blamieren, falls ich die Antwort schon erhalten hatte. Also nickte ich – halb dankbar, halb abgeklärt – ließ noch einen Dackel passieren und einen Fischer, der einen Eimer Sardinen auf der Schulter balancierte. Eine sprang heraus und zappelte minutenlang auf dem Stein.
Am nächsten Tag spazierte ich zur gleichen Zeit die Promenade entlang, um zu sehen, ob die Frau auch diesen Abend da sein würde. Ich hatte einen Fünfer gefaltet und in meine Brusttasche gesteckt. Er schimmerte grünlich durch den weißen Stoff. Ich hoffte, die Frau würde den Schein bemerken und ihr Angebot, falls es eines war, daraufhin wiederholen. Aber als ich an die Stelle kam, wo ich neben dem Gesicht gestanden hatte, fand ich nicht die Frau und nicht einmal das Gesicht – nur eine Bank und eine Büste von Kaiser Franz Josef.

Foto: Verwittertes Gesicht aus Stein.

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