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Gurren

Den ersten Winter ging es uns nicht schlecht, Kerry, Pete, den Anderen und mir. Wir hatten es uns in einem verfallenen Haus im Innenhof eines ottakringer Wohnhauses gemütlich gemacht. Ein Haus im Haus. Ottakring ist ein alter Arbeiterbezirk und früher gab es in den Höfen kleine Handwerksbetriebe. Die Werkstätten stehen heute leer oder man hat sie zu kleinen Wohnungen umgebaut. Jedenfalls hatten wir in unserer Bleibe einen ruhigen Ort gefunden: die vom Haus haben uns sogar ab und zu Wasser hingestellt oder uns vom Frühstück übriggebliebene Krümmel vom Balkon aus zugeworfen.
Kurz: uns fehlte nichts. Bis zu dem Tag, an dem sie die Fenster mit Draht vergitterten. Erst scheuchte uns der Mann mit dem Besen aus dem Haus. Das heißt, manche flohen, wie ich, andere versteckten sich im Dachboden. Kerry hatte gerade Junge und konnte nicht weg. Damals verstand ich noch nicht, was der Mann vorhatte, wollte nur seinem zischenden Besen ausweichen. Er verschloss die Fenster und die Tür mit Draht. Die Maschen waren nicht eng, aber zu eng für den ausgewachsenen Körper einer Taube. Auf die Fenstersimse stellte er spitze Stacheln. Wir suchten dennoch in den Zwischenräumen Platz. Pete spießte sich auf und kämpfte drei Tage mit der Verhedderung. Dann hörten wir auf, ihm Futter zu bringen. Wir konzentrierten uns auf die Eingesperrten. Der Boden des Hauses war betoniert, es gab nichts zu essen. Alles blieb an uns Draußengebliebenen hängen. In der Stadt ist es leicht, für sich selbst zu sorgen, etwas fällt immer ab, aber eine ganze Familie mit zu ernähren ist etwas anderes. Dazu kam, dass die Anderen den Mut mehr und mehr verloren. Die verwesende Leiche Petes senkte die Moral. Einige gaben auf und richteten sich im beschädigten Turm der Familienkirche neue Nester ein. Einmal habe ich sie dort besucht, aber viel Zeit zu Ausflügen dieser Art blieb mir nicht. Je mehr die Gruppe verließen, desto schwieriger war es für uns, die Eingesperrten und mich mit Nahrung zu versorgen. Ich schlief kaum mehr, aß nur, um weiter suchen zu können; ich redete mir ein, eines Tages würde der Mann sein Unrecht einsehen; er würde Kerry und die Überlebenden befreien. Für ihn wäre es ein Leichtes mit der großen Drahtschere den Draht zu durchtrennen, an dem mein nutzloser Schnabel ein ums andere Mal versagte.
Noch jetzt sehe ich deutlich den Riss im Zaun; sehe, wie die Abgemagerten durch die Öffnung krabbeln und flattern; sehe ihre matten Äuglein im Tageslicht glänzen und höre ihr heiseres Gurren.

Foto: Tote Taube

Gelingen

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Tante, ich muss ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein. Die Erinnerung ist sehr dunkel und das Wenige, das ich erinnere, hat wohl nie in dieser Form stattgefunden. Jedenfalls war ich auf etwas stolz, auf irgendetwas, das ich gelernt hatte oder das ich gemacht hatte und habe ihr davon in großen Tönen erzählt. Aber anstatt eines Lobes, das ich mir wohl gewünscht hätte, bemerkte sie nur, man solle bescheiden sein.

Seitdem hat mich Bescheidenheit immer wieder beschäftigt. Ich weiß nicht, ob man bescheiden sein soll, vielleicht kann man es gar nicht. Es gibt eine Form der Bescheidenheit – man könnte sie falsche Bescheidenheit nennen aber womöglich ist es die einzige, die es gibt –, die mich besonders stört. Manchmal liest man oder hört man Sätze, die bescheiden klingen wollen und insgeheim prahlen. Paul Klee etwa beschreibt in seinen Aufzeichnungen Vierzeiler, die er als Jugendlicher geschrieben hatte als „schlechte und echte Kunst“. Die Beschreibung gibt nicht so sehr mit den Gedichten an als mit der Bescheidenheit. Ich glaube, das stört mich, nicht der Stolz, „echte Kunst“ geschaffen zu haben, der mit der Abqualifizierung der „schlechten“ erkauft wurde, sondern die zur Schau gestellte Bescheidenheit. Es ist eine angeberische Bescheidenheit.

Echte Bescheidenheit hieße doch eigentlich, die eigenen Stärken gar nicht erst zu bemerken, also ein unrealistisches Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten zu haben. Das kommt mir wenig wünschenswert vor. Vielleicht ist Bescheidenheit also per se verlogen. Zugutehalten muss man ihr die Zurückhaltung, die sie verlangt, ein Stück Zivilisierung. Aber sie ist doch in erster Linie eine Spielverderberin, denn was ist falsch an der Freude des Gelingens, einem sicher kindlichen Vergnügen? Es zeigt sich schon: Ich werde weiter daran zu kauen haben.

Darüber Hinaus

Die enge Verbindung von Form und Inhalt tritt im Text am deutlichsten hervor. Der Inhalt stiftet überhaupt erst Form, die Stimmigkeit des Gebildes. Im Text wird der Begriff mimetisch, auch dort, wo die Wörter nicht ins Lautliche kippen. Die Konstellation der Inhalte stiftet den Sinn und so gelangt der Begriff über sich hinaus. Vielleicht vermag paradoxerweise überhaupt nur der Begriff über das Begriffliche hinaus. Nur durch ihn durch wird er aufgehoben.

Dagegen mündet der Vorbehalt am Begriff oft in Ausweichmanövern. Das Definitive des Begriffs wird vermieden und sein schlechter Ersatz vermag nicht einmal, was er noch vollbrächte, geschweige denn ein Mehr. Daher ist sogar Skepsis gegen sprachliche Spielereien, vielleicht auch bornierte, nicht ohne sachliche Grundlage. Das vage, lautmalerische, um der Poesie Willen Poetische schwächt das begriffliche Moment der Sprache ab, entschärft sie und gelangt so nicht in die Sphäre des Jenseits – entgegen der Intention, verbleibt sie derart gerade im dumpf Begrifflichen.

Dialektik der Musik

In seiner Autobiographie beschreibt Charlie Chaplin, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, wie er an manchen Samstag Abenden den Klängen einer auf der Straße vorbeiziehenden Ziehharmonika zu lauschen pflegte. Ihr fröhliches Lied wurde von den Stimmen der Menschen auf der Straße begleitet. „In meiner Betrübnis fühlte ich den lebendigen Schwung der Musik als brutale Gleichgültigkeit, doch wenn sie in der Ferne leiser wurde, bedauerte ich es, sie nicht mehr hören zu können.“ Das ist die Dialektik der Musik: Sie ist die zynische, kaum auszuhaltende Beschönigung des Bestehenden, ohne welche das Leben nicht zu ertragen wäre. Denn sie ist mehr als Trost; sie spricht von einer Welt, in der die Menschen nicht länger hungerten und litten und stürben.

Wortwiederholung

Wortwiederholungen gelten als schlechter Stil. So als wäre, wer zweimal dasselbe Wort verwendet, etwas schwer von Begriff, verfüge über eine beschränkte Ausdrucksfähigkeit. Das geht soweit, dass einige Gebildete sich sogar selbst ins Wort fallen, um nach einer neuen Formulierung zu suchen, wenn sie sich bei einer gedanklichen oder im Ansatz steckenden Wortwiederholung ertappt haben.

Dabei ist diese Angst vor der Wiederholung durchaus nicht so natürlich und nachvollziehbar, wie es auf den ersten Blick scheint. Schließlich liegt ihr die etwas eigenwillige Vorstellung zugrunde, alles ließe sich auch anders sagen, es bedürfe dazu nur etwas Phantasie und eines großen Wortschatzes.

Sollten aber nicht gerade diejenigen, welchen es auf die genaue Formulierung ankommt, darauf, dass der gewählte Ausdruck das Gemeinte mit all seinen Nuancen trifft, bei der Vorstellung Unwohlsein empfinden, ihr sorgsam ausgewähltes Wort bei nächster Gelegenheit durch ein anderes, ein bloß ähnliches zu ersetzen?