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Befall

Es war ein heller Tag, den kaum eine Wolke zu trüben wagte. Die Sonne zwängte sich durch das runde Turmfenster und fiel auf Nateps Schreibtisch. Hinter dem Tisch klemmte die Alte, eingekreist von Chronographen, Zirkeln, Sextanten und Schreibutensilien – Tinte, Pergament, Messer, Feder, Lupe – und schrieb in engem Satz vollendete Buchstaben.
Seit Tagen schon wartete Hilmit auf den rechten Zeitpunkt, die Meisterin anzusprechen. Allein, einen günstigen gab es nicht. Die letzten Wochen, hatte sich Natep in Arbeiten verkrochen und Hilmit kein Fenster gelassen, nur ein Wort an sie zu richten. Für die Mahlzeiten zog sie sich in ihre Kammer zurück, wo sie vermutlich neben der Arbeit aß. Zudem schlief die Alte nicht. Wenn Hilmit aufwachte, und sie stand mit den Hühnern auf, hing die Alte schon am Schreibtisch und wenn Hilmit abends die Augen zufielen, steckte Nateps Kopf noch in ihren Manuskripten oder sie mischte im Labor bei Lampenlicht Tinkturen.
Jetzt passte es so schlecht wie immer. Hilmit näherte sich dem Schreibtisch in einem weiten Bogen, wobei sie nach und nach schwerere und festere Schritte setzte. Dann hob sie sanft an, flüsternd, beinahe unhörbar: „Meisterin.“
Natep reagierte nicht.
„Meisterin, es sind jetzt schon fünf Jahre“, versuchte Hilmit es ein zweites mal, diesmal mit Stimme.
Natep sprang mit einem Satz auf, ihr Stuhl von glühender Kohle: „Du wagst es!“
Ein dunkler Strich durchschnitt die Seite und den Tisch.
Hilmit stolperte einige Schritte zurück. „Ich wollte nicht, Meisterin.“
Da entspannten sich Nateps Gesichtszüge, wiewohl sie heftig atmete und die Hand zitterte, in der die helle Gänsefeder hing, von der schwarze Tinte auf den Dielenboden tropfte. „Meine liebe Hilmit. Du weißt, wie ich bin: ich kann nicht anders.“
„Nein, es ist meine Schuld“, sagte Hilmit. „Ich werde euch die Seite noch heute neu schreiben. Wenn es sein muss, sitze ich die Nacht und den nächsten Tag.“
Nateps Miene verdüsterte sich. „Das kannst du nicht. Die Seite ist Teil eines größeren Werkes und deine Hand – so geschickt sie auch sein mag.“ Sie stockte. „Deine Hand ist nicht die meine.“ Sie legte die Feder auf den Tisch. „Wenn du mich störst, muss es wichtig sein. Was ist es, stimmt etwas mit dem Beinwell nicht, ist er wieder befallen?“
„Den Kräutern geht es gut.“ Hilmit sah verlegen auf den Boden. Dann hob sie den Kopf und blickte Natep in das Auge. „Es sind jetzt fünf Jahre. Ihr sagtet, ihr wollt keine Hexenmeisterin sein. Ist es nicht schließlich Zeit, sodass ihr mir die Spitze des Turms zeigt?“
„Ihr wisst, warum ich nicht kann“, sagte Natep. Sie senkte den Kopf an die Brust und sprach wie zu sich selbst: „Wenn wir unser Training darauf abstimmten, dann wäre es auszuhalten. Mag sein ich habe ich mich in Arbeit verkrochen, um den Zeitpunkt hinauszuschieben. Vergessen habe ich dich nicht.“ Sie ging zu den Büchern und legte einen kupferbeschlagenen Folianten auf den Ecktisch.
„Die Bilder kenne ich bereits“, sagte Hilmit. Ihre Stimme verbarg schlecht ein Klagen und Flehen.
„Na – na – na“, sagte Natep. Die tröstende Formel geriet ihr zur gespenstischen Ermahnung. „Ich bin alt, aber noch nicht verkalkt. Ich weiß, was du kennst.“ Sie öffnete die Verschlüsse des Folianten und schlug eine Seite auf. „Ich habe dir das Bild gezeigt. Vielleicht kennst du es mit geschlossenen Augen.“ Sie legte ihrer Schülerin die Hand über die Augen. „Was siehst du?“
„Eine Frau. Sie ist furchtbar verwandelt. Statt Haut hat sie Schuppen, verknöcherte Klauen mit gekrümmten Krallen, die ihr in die Arme wachsen. Die Zähne vernähen ihre Lippen zu einer geschlossenen Fratze. Nur ihr linker Fuß –“ Sie stockte. „Ihr linker Fuß ist zierlich wie der eines Knabens, fein und ebenmäßig und von weicher Haut.“
„Was siehst du noch?“, fragte Natep.
„Ihre Augen, aus ihrem rechten züngelt eine spitze Flamme. Das andere ist stumpf und leer – das Auge einer Toten.“
Natep nahm die Hand vom Gesicht der Schülerin und strich dabei zärtlich über Hilmits Wange. „Du kennst das Bild, aber verstehst es nicht. Ich fürchte ich habe dir nicht alles gesagt.“ Natep blickte nachdenklich auf die Frau im Bild. „Vielleicht bin ich doch eine alte Hexenmeisterin.“ Beim Wort Hexenmeisterin drehte sie sich ihrem Lehrling zu und raunte Hilmit ins Gesicht: „Wer ist die Frau, du kennst sie, wer ist sie?“
Hilmit spürte den Atem der Meisterin in ihrer Augenhöhle. „Ihr seid es“, sagte sie. „Ist es nicht so? Das Bild zeigt euch.“
Sie wollte sich ducken, aber die Alte hielt sie fest im Nacken. „Nein, Hilmit, liebes Kind. Ich bin es nicht.“

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Die Bärin

Eine Frau gerät beim Wandern im Wald in einen Sturm. Der Regen fällt als dicke schwere Tropfen. Die nächste Hütte ist nicht weit, der Weg leicht. Aber ein Braunbär bäumt sich auf, zwingt sie in die falsche Richtung, jagt sie auf eine Eiche. Der Bär stößt mit der Seite gegen den morschen Stamm. Der Baum wackelt. Das Tier rammt wieder gegen den Stamm, der kracht und bricht. Die Frau fällt und verletzt sich am Knöchel.

Sie stürzt humpelnd in das Dickicht. Ein Dachsbau verspricht Schutz. Sie kriecht in das Loch doch der Bär findet sie, gräbt ihr mit schweren Pranken nach. Die Frau entdeckt einen zweiten Ausgang und zwängt sich durch die Öffnung ins Freie. Der Bär kann ihr nicht folgen, steckt im Bau fest. Die Frau bedeckt ihn mit Laub und Ästen. Sie häuft immer mehr über das kämpfende Tier. Der Bär brummt, der Boden zittert. Ein Röcheln und Wimmern dringt aus der Erde und verstummt endlich. Sie schleppt sich zur rettenden Hütte.

Sie habe Glück gehabt, sagt ihr die Wirtin. Im Wald gebe es eine Bärin, mit der nicht zu spaßen sei. Sie habe gerade Junge.

Foto: Wurzel