Lachspiel

Sich in die Augen sehen bis eine lacht und wer lacht hat verloren, ein Kinderspiel. Es ist wohl Einübung in Sublimierung, Genuss des Aufschubs. Das Prinzip des Spiels ist jenem dieses Textes, der mit der Pointe gleich am Anfang herausrückt, entgegengesetzt. Je mehr sich das Lachen versagt wird – und ja nicht für alle Zeit, sondern mit dem fast sicherem Wissen um langes erleichterndes Lachen, wenn jemand nicht mehr kann –, desto mehr steigern sich die Spannung und die Lust. Wer sich im Griff hat, wird belohnt: Die Grenze der Lust ist also eigentlich nur die eigene Fähigkeit, Lust aufzuschieben. Also wirklich Einübung in Sublimierung.

Manchmal kommt es allerdings vor, dass die Spannung seltsam abflaut. Jemand hat sich so im Griff, dass sie nicht mehr Gefahr läuft, zu lachen. Vielleicht denkt sie an etwas anderes, hat mentale Techniken entwickelt, sich vom Geschehen zu dissoziieren. Aber dann ist es auch aus mit der Lust und mit der Spannung. Die Partnerin, so sie folgen konnte, verliert ihren Drang genauso. Dann ist es ein Gegenübersitzen, das mitunter lange anhalten kann.

Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass die Technik plötzlich versagt, sich nach langer Zeit wieder eine Spannung aufbaut, die sich aufschaukelt und die wiederum abfallen kann oder plötzlich durchbrechen. Es ergibt sich ein Rhythmus wie Ebbe und Flut. Also doch nicht nur Sublimierung und unter Umständen keine richtige Pointe.

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Gelingen

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Tante, ich muss ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein. Die Erinnerung ist sehr dunkel und das Wenige, das ich erinnere, hat wohl nie in dieser Form stattgefunden. Jedenfalls war ich auf etwas stolz, auf irgendetwas, das ich gelernt hatte oder das ich gemacht hatte und habe ihr davon in großen Tönen erzählt. Aber anstatt eines Lobes, das ich mir wohl gewünscht hätte, bemerkte sie nur, man solle bescheiden sein.

Seitdem hat mich Bescheidenheit immer wieder beschäftigt. Ich weiß nicht, ob man bescheiden sein soll, vielleicht kann man es gar nicht. Es gibt eine Form der Bescheidenheit – man könnte sie falsche Bescheidenheit nennen aber womöglich ist es die einzige, die es gibt –, die mich besonders stört. Manchmal liest man oder hört man Sätze, die bescheiden klingen wollen und insgeheim prahlen. Paul Klee etwa beschreibt in seinen Aufzeichnungen Vierzeiler, die er als Jugendlicher geschrieben hatte als „schlechte und echte Kunst“. Die Beschreibung gibt nicht so sehr mit den Gedichten an als mit der Bescheidenheit. Ich glaube, das stört mich, nicht der Stolz, „echte Kunst“ geschaffen zu haben, der mit der Abqualifizierung der „schlechten“ erkauft wurde, sondern die zur Schau gestellte Bescheidenheit. Es ist eine angeberische Bescheidenheit.

Echte Bescheidenheit hieße doch eigentlich, die eigenen Stärken gar nicht erst zu bemerken, also ein unrealistisches Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten zu haben. Das kommt mir wenig wünschenswert vor. Vielleicht ist Bescheidenheit also per se verlogen. Zugutehalten muss man ihr die Zurückhaltung, die sie verlangt, ein Stück Zivilisierung. Aber sie ist doch in erster Linie eine Spielverderberin, denn was ist falsch an der Freude des Gelingens, einem sicher kindlichen Vergnügen? Es zeigt sich schon: Ich werde weiter daran zu kauen haben.

Vorschuss

Das Privileg der Literatur liegt darin, sagen zu können: so ist es, so hat es sich zugetragen. Wir müssen uns dann fragen; wieso ist es so, was hat es damit auf sich? Wir müssen die Motivation der Figur erschließen, uns ihr Aussehen vorstellen und ihren Eigenheiten nachspüren. Wir können nicht, wie es gegenüber einem Essay oder einer Abhandlung möglich wäre, das So-Sein der Ereignisse selbst in Zweifel ziehen.

Strapaziert eine Autorin diesen Vorschuss, den wir ihr zu geben gezwungen sind, allzu sehr, hören wir auf ihr zu trauen. Wir sagen, die Geschichte ergebe keinen Sinn. Dann können wir allerdings im Grunde nicht mehr weiterlesen. Dann sind wir draußen und nehmen keinen Anteil mehr am Leben der Figuren und dem Lauf der Geschichte.

Diese Fähigkeit des setzen Könnens bewirkt eine wundersame Verdrehung. Ein literarischer Text beschreibt ja immer nur einen kleinen Teil der virtuellen Welt, in der sich die Geschichte abspielt. Anhand der Beschreibungen, die wir erhalten, reimen wir uns alles Restliche so zusammen, dass das Gelesene Sinn ergibt. Agiert also eine Figur seltsam oder hat einen unerwarteten, überraschenden Gedanken, betrifft das nicht in erster Linie die Figur, sondern die ganze Welt muss gedanklich in Einklang mit der Eigenart der Figur gebracht werden. Das ist doch wirklich ein Vorrang des Einzelnen gegenüber dem Allgemeinen, wirklich die Gerechtigkeit, die einer jeden gebührte.

Es liegt darin aber auch etwas Harmonisierendes, gegen das sich moderne Literatur sträubt, indem sie bewusst diese Verbindung kappt. Vielleicht ahnt sie auch, dass diese Freiheit der Autorin trügt. Schließlich neigt sie doch dazu, die Figuren so denken und handeln zu lassen, dass sie nicht in Widerspruch zu ihrer Welt geraten.

Fruchtsaft

„… und ich ging dann unauffällig sagen, man möge den Fruchtsaft bringen; meine Großmutter legte Wert darauf, sie fand es liebenswürdiger, wenn es nicht so aussah, als wäre er nur ausnahmsweise und nur des Besuches wegen auf den Tisch gebracht worden.“

Höflichkeit, die den Verwöhnten nichts merken lässt, sich selbst verbirgt, um das auftrumpfend Beschämende zu vermeiden, das sie begleitet, wenn die Höfliche als Höflichere in Erscheinung tritt, zeugt von Einfühlungsvermögen, zarter Rücksicht und Freundlichkeit.

Es gibt auch eine brutale Höflichkeit. Die Höflichkeit dessen etwa, der vor seinem Essen sitzen bleibt, ohne es anzurühren. Er gibt zu verstehen: Tierisches wie Hunger ist mir fremd, aber fresst euch ruhig satt. Diese herablassende Höflichkeit gibt Anderen das Gefühl, unhöflich zu sein, nicht vornehm und nicht fein.

Die höchste Form der Höflichkeit ist demnach ungehobelte Rücksicht und unaufdringliche Freundlichkeit. Diese Vornehmheit kommt ohne Klassendünkel und den ungerechtfertigten Stolz auf des Privileg aus, der Manieren mitunter anhaftet. Sie findet sich gleich verteilt in allen Schichten.

Tâches II

Der Gedanke, es gebe einen Sadismus gegen Kunst, tönt gleichzeitig richtig und falsch. Falsch, weil es die Metapher vom Leben der Werke, vom Kunstwerk als lebendigem Gebilde überstrapazieren hieße, ihnen die Fähigkeit zum Schmerz zuzuschreiben. Zudem ist es zwar durchaus denkbar, jemand könne Aggressionen gegen Kunst hegen und es genießen, sie auszuleben – allerdings handelte es sich deshalb noch nicht unbedingt um Sadismus. Dazu fehlte das Vergnügen am Schmerz, an der Macht des Quälens und dergleichen.

Schwieriger ist es, das Richtige des Gedankens zu fassen, das es nicht erlauben will, einfach den Begriff Aggression, Widerwillen, Abneigung oder sogar Hass an Stelle des prekären Ausdrucks zu setzen. Vielleicht liegt der Schlüssel nicht in der Abneigung gegen Kunst, sondern in ihrer Verehrung. Wenn gesagt wird – und es wird oft gesagt – Kunst und Kultur verliehen der Gesellschaft erst ihren Wert, ohne sie wäre diese nichts, offenbart sich darin nicht nur die Rolle von Kunst als Platzhalter einer anderen Welt, die wirklich lebenswert wäre, sondern auch eine latente Feindschaft gegen die Menschen, auf die es in diesem Topos am wenigsten ankommt.

Vielleicht ist es dieser Menschenhass, der als Hass gegen Kunst durchbricht, sobald ihre Fassade unnahbaren Jenseits Risse zeigt. Die Verehrung schlägt um und entpuppt sich als Sadismus. Überhaupt ist es vielleicht legitim, dort von Sadismus zu sprechen, wo Schwäche Gewalt provoziert.

Angst

„Am stärksten wuchert die Angst, es ist nicht zu sagen, wie wenig man wäre ohne erlittene Angst. Ein Eigentliches des Menschen ist der Hang, sich der Angst immer auszuliefern. Keine Angst geht verloren, aber ihre Verstecke sind rätselhaft. Vielleicht ist von allem sie es, die sich am wenigsten verwandelt. Wenn ich an die frühen Jahre denke, erkenne ich zuallererst ihre Ängste, an denen sie unerschöpflich reich waren. Viele finde ich erst jetzt, andere, die ich nie finden werde, müssen das Geheimnis sein, das mir Lust auf ein unendliches Leben macht.“ So formuliert Canetti in seinen Jugenderinnerungen, der geretteten Zunge, wenig materialistisch und wohl mit skeptischem Seitenblick zur Psychoanalyse, für die sich wenig mehr verwandelt als die Angst.

Doch einmal angenommen, es sei einiges daran und die Angst und die Entdeckung der eigenen Ängste, bildeten einen mächtigen Lockruf des Lebens, dann ergebe sich ein eigenartiger und reizvoller Gegensatz zur vielleicht meist genannten Chiffre der Utopie in der Kritischen Theorie: ohne Angst verschieden sein. Eine andere, weniger bekannte, teilt sie mit Canetti, die, von der Abschaffung des Todes – geheimnisvolle Angst, die Lust macht auf unendliches Leben.

Zu sagen allerdings, Angst sei dem Menschen ‚eigentlich‘, bereichere ihr Leben und ohne sie wäre es klein und arm, tönt seltsam resignativ; als wolle der so spricht sich mit dem Elend befreunden und aus der Not eine Tugend machen. Es klingt eigentlich eben nach denselben Gründen, welche die Verteidigerinnen des Todes zu dessen Rettung anführen.

Die Schwäche des Arguments sagt allerdings wenig über den zugrunde liegenden Impuls. Vielleicht ist er eben unverstanden. Jedenfalls gehört die Angst dem Reich des Lebens an. Heißt es nicht, die Mutter aller Ängste sei die Todesangst? Sie deutet auf Gegensatz wie Einheit.

Phantasie

Neuere Serien und Filme erzeugen zum Teil eine beeindruckende Intensität. Es gibt Szenen, die verstören und erschüttern. Sie lassen die Zuseherin tagelang nicht los, sie machen Angst und zwar augenblicklich und nachwirkend. Ein Teil des Publikums meidet deshalb manche Sendungen und Filme, ein anderer sucht gerade nach diesem Erlebnis, das intensiver erscheint, als die Wirkung der Ereignisse im eigenen Leben.

Sicher gab es diese Brutalität in gewisser Weise schon immer, aber nicht in dieser Alltäglichkeit. Die psychologische Wirkung eines Hitchcock-Films sticht als Ausnahme hervor wie die Harmlosigkeit von Krimiserien noch in den 90er-Jahren. Heute dagegen wird allerorts gefoltert und gequält, die Filme verstärken die Grausamkeit noch durch 3D-Effekte und aufwendige Computeranimation: Blut spritzt, Köpfe fliegen einer entgegen usw.

Die Konservativen haben seit je eine Verrohung der Jugend beklagt, die sich an Sex, Gewalt und dergleichen erfreue; vielleicht eine Projektion der eigenen Verängstigung sowie der Versuch, sich der eigenen Härte zu vergewissern: Ich vertrage es ja, aber die Kinder! Wohl auch eine Abwehr von Sadismus – Scham, Gewalt genießen zu können. Auch Prüderie – Scham, Sex genießen zu können.

Trotzdem ist schwer zu verstehen, wie das junge Mädchen im Kinosaal sich an fliegenden Werwolfgehirnen erfreuen kann, während sich die Erwachse Frau daneben verstört an die Armlehnen des bequemen Kinosessels klammert. Vielleicht ist es, entgegen dem Cliché, doch so, dass Kinder besser zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden können. Alles für voll nehmen ist schon ein Symptom verarmter Phantasie.