Lachspiel

Sich in die Augen sehen bis eine lacht und wer lacht hat verloren, ein Kinderspiel. Es ist wohl Einübung in Sublimierung, Genuss des Aufschubs. Das Prinzip des Spiels ist jenem dieses Textes, der mit der Pointe gleich am Anfang herausrückt, entgegengesetzt. Je mehr sich das Lachen versagt wird – und ja nicht für alle Zeit, sondern mit dem fast sicherem Wissen um langes erleichterndes Lachen, wenn jemand nicht mehr kann –, desto mehr steigern sich die Spannung und die Lust. Wer sich im Griff hat, wird belohnt: Die Grenze der Lust ist also eigentlich nur die eigene Fähigkeit, Lust aufzuschieben. Also wirklich Einübung in Sublimierung.

Manchmal kommt es allerdings vor, dass die Spannung seltsam abflaut. Jemand hat sich so im Griff, dass sie nicht mehr Gefahr läuft, zu lachen. Vielleicht denkt sie an etwas anderes, hat mentale Techniken entwickelt, sich vom Geschehen zu dissoziieren. Aber dann ist es auch aus mit der Lust und mit der Spannung. Die Partnerin, so sie folgen konnte, verliert ihren Drang genauso. Dann ist es ein Gegenübersitzen, das mitunter lange anhalten kann.

Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass die Technik plötzlich versagt, sich nach langer Zeit wieder eine Spannung aufbaut, die sich aufschaukelt und die wiederum abfallen kann oder plötzlich durchbrechen. Es ergibt sich ein Rhythmus wie Ebbe und Flut. Also doch nicht nur Sublimierung und unter Umständen keine richtige Pointe.

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Vorschuss

Das Privileg der Literatur liegt darin, sagen zu können: so ist es, so hat es sich zugetragen. Wir müssen uns dann fragen; wieso ist es so, was hat es damit auf sich? Wir müssen die Motivation der Figur erschließen, uns ihr Aussehen vorstellen und ihren Eigenheiten nachspüren. Wir können nicht, wie es gegenüber einem Essay oder einer Abhandlung möglich wäre, das So-Sein der Ereignisse selbst in Zweifel ziehen.

Strapaziert eine Autorin diesen Vorschuss, den wir ihr zu geben gezwungen sind, allzu sehr, hören wir auf ihr zu trauen. Wir sagen, die Geschichte ergebe keinen Sinn. Dann können wir allerdings im Grunde nicht mehr weiterlesen. Dann sind wir draußen und nehmen keinen Anteil mehr am Leben der Figuren und dem Lauf der Geschichte.

Diese Fähigkeit des setzen Könnens bewirkt eine wundersame Verdrehung. Ein literarischer Text beschreibt ja immer nur einen kleinen Teil der virtuellen Welt, in der sich die Geschichte abspielt. Anhand der Beschreibungen, die wir erhalten, reimen wir uns alles Restliche so zusammen, dass das Gelesene Sinn ergibt. Agiert also eine Figur seltsam oder hat einen unerwarteten, überraschenden Gedanken, betrifft das nicht in erster Linie die Figur, sondern die ganze Welt muss gedanklich in Einklang mit der Eigenart der Figur gebracht werden. Das ist doch wirklich ein Vorrang des Einzelnen gegenüber dem Allgemeinen, wirklich die Gerechtigkeit, die einer jeden gebührte.

Es liegt darin aber auch etwas Harmonisierendes, gegen das sich moderne Literatur sträubt, indem sie bewusst diese Verbindung kappt. Vielleicht ahnt sie auch, dass diese Freiheit der Autorin trügt. Schließlich neigt sie doch dazu, die Figuren so denken und handeln zu lassen, dass sie nicht in Widerspruch zu ihrer Welt geraten.