Die Sonne hatte

das Gras ausgedörrt und die braunen Stengel stachen ihm in die Fußsohle, ritzten ihm die Hornhaut ein. Bremsen setzten sich ihm auf den Rücken, an die Schwarte an der Seite und bissen durch das T-Shirt. Dieses Jahr war es besonders schlimm. Oder kam es ihm nur so vor? Die Luft war trocken und heiß, voll vom Geruch der Föhrennadeln, die den Bodenbereich um den Tisch wie ein Leintuch bedeckten. Er setzte sich. Das war sein Platz, würde wohl für den Rest seines Lebens sein Platz bleiben. Das klang, als wäre das Leben eine Lasagne, die man jeden Tag wieder aufwärmt – und irgendwann gibt es eben nur noch einen Rest. Besser ihn aufessen, bevor er verschimmelt.
Jeden Tag ein Gedicht. Seit viertausendeinhundertzweiunddreißig Tagen. Er schrieb die Nummer links oben auf das Blatt. Meistens verbrauchte er mehr als ein Blatt und am Abend standen da fünf Zeilen oder zehn oder zwanzig. Für mehr war ein Tag zu kurz, es waren eben Ein-Tages-Gedichte. Er schrieb: Hört ihr die Limonen schrumpeln? Strich Limonen durch und schrieb darüber Zitronen. Strich die ersten zwei Worte durch und schrieb: Man hört hier – Man hört hier die Zitronen schrumpeln. Er lauschte in den Garten, auch wenn er keinen Zitronenbaum hatte, nur Oliven, und auch die hatte er noch nie gehört. Man hört hier die Zitronen schrumpeln / und wie die Nüsse sich in ihren Schalen drehen. Man hört den Kater durch die Wiese humpeln / und kann am Gartentor die Hornissen küssen sehen. Er strich zwei Worte aus dem letzten Vers: und kann am Gartentor Hornissen sehen.

Im Stall

stehen Kühe, Kühe und Ziegen und Hummeln. Alles ruht, steht da wie eingefroren. Es ist wohl die Wärme, die Wärme der Abendluft und der Geruch darin, die Akazien. Jedenfalls macht kein Tier einen Mucks. Die Hummel hockt der Ziege zwischen den Hörnchen und hält still. Einer Kuh fällt etwas hinten heraus. Die Flade drückt den Schweif hoch, von sich aus bewegt das Tier ihn nicht. Die Kühe stehen so, dass sie den Ziegen in die Augen sehen und die Hummeln sitzen so auf ihren Ziegenköpfen, dass sie den Kühen ihr Hinterteil präsentieren. Irgendwo liegt ein Hund. Muss ein Hund liegen, man riecht ihn, auch wenn man ihn nicht sieht. Wahrscheinlich steckt er im Heuhaufen, oder er ist die Leiter irgendwie hoch gekommen und versteckt sich unterm Dachgebälk. Ginge Wind, würde der Schuppen knarren. So ist es fast völlig still. Nur wenn man darüber nachdenkt, hört man die Zikaden, die man ansonsten ausblendet, und das Rauschen des Meeres.
Als hätte jemand einen Hebel umgelegt, kommt Leben in die Tiere. Die Hummeln erheben sich, brummen, landen auf den Köpfen der Kühe, präsentieren jetzt den Ziegen ihr Hinterteil. Die Kühe furzen, scheißen, manche werfen den Kopf zurück und muhen. Die Ziegen halten noch einigermaßen ruhig, aber man merkt, dass sich ihre Haltung verändert hat, dass sie nicht mehr erstarrt sind. Sie haben sich entspannt, der Kopf wiegt hin und her, hin und her. Der Heuhaufen raschelt und der Hund steckt seinen Kopf heraus. Im Maul hält er einen Quietschhahn. Er lässt ihn fallen und der Aufprall des Quietschhahns am Boden ergibt ein kurzes Röhren, ein abgebrochenes Röhren, von dem eine der Ziegen erschrickt und zu blöken beginnt. Die anderen Stimmen ein, die Hummeln erheben sich erneut, ganz so, als flögen sie nur, um zum Geblöke zu brummen. Auch die Zikaden, kann es sein?, haben in Lautstärke und Geschwindigkeit angezogen. Die Tierlaute ergeben ein Tosen, wie Geröll den Berg herunterkommt waschen die Tiergeräusche durch den Schuppen. Alle Kühe rufen jetzt, klagen, singen. Man hört sogar eine Katze schreien, sieht sie auch: die ist wirklich oben am Dachboden. Die Katze singt gewissermaßen die Oberstimme. Franziska beginnt mit den Armen zu wedeln; sie dirigiert die Tiere. Freilich hätten die auch ohne ihrem Gefuchtel gesungen, aber das Gefuchtel ist eben die Entsprechung zum Gejodel auf der Ebene der Bewegunng. Sie fuchtelt so lange, bis sie sicher ist, dass alles auf sie hört. Man muss eben nur lange genug mit den Tieren fuchteln, damit sich die Sache gewissermaßen umdreht, damit die Natur nach dem Gehampel der Menschen tanzt und nicht die Menschen nach dem Geschrei der Natur zappeln. Schließlich breitet sie die Arme aus und wirklich setzen sich die Hummeln zurück auf ihre Ursprungsziegen, die Ziegen und Kühe verkrampfen sich wieder zu Eisskulpturen, die Katze gibt Ruh und der Hund zieht den Kopf wieder unters Heu, raschelt nicht mehr. Nur eine einzige Hummel, die sich scheinbar vom Rausch hat irre machen lassen, surrt noch herum, surrt um Franziskas Kopf, um ihre ruhenden Arme und setzt sich irgendwann – wie lange hatte Franziska so gestanden? – auf ihren Handrücken. Sie ist so schwer, dass es Franziska den Arm an die Hüfte drückt und das ganze Spektakel wieder von vorne losgeht.

Robert

Eigentlich weiß ich ja kaum etwas von ihm. Von Robert. Er heißt ja nicht einmal so. Es wäre schon ein ungeheurer Zufall, wenn er so hieße. Alles, was ich über Robert weiß, ist hochgerechnet. Von seinem Bart habe ich auf seinen Namen geschlossen; von seiner Adidas-Jacke auf die Einrichtung seiner Wohnung; von seinem eigentümlichen Verhalten auf seinen Beruf.
Dies und das weiß ich aber schon. Hätte ich aufmerksamer beobachtet, mag sein, ich wüsste noch etwas mehr. Mich verbindet mit Robert die Starrheit des Tagesblaufs. Jeden Nachmittag setze ich mich in ein Café in einer Seitengasse der Mariahilferstraße, trinke eine Melange und blättere die Zeitungen durch. Zur selben Zeit, nämlich um Punkt drei Uhr, verlässt Robert das Haus. Womöglich habe ich es deshalb solange nicht bemerkt, weil ich zu dieser Zeit eben immer damit befasst bin, meine Garderobe abzulegen und mich einigermaßen auf meinem Stammplatz einzurichten, der, ohne dass ich es extra sagen müsste, für mich freigehalten wird. Einrichten heißt: die Zeitungen ausbreiten, das Plätzchen für den Kaffee vorbereiten, mir die Gesichter besehen, mit denen ich die Stunde verbringen werde. Das alles würde erklären, warum ich Robert so lange nicht bemerkte, obwohl ich ihn ja wenigstens beim Zurückkommen hätte sehen müssen, aber da muss es wiederum so gewesen sein, dass ich in meine Zeitungen vertieft dasaß, und nicht wahrnahm, was sich auf der Straße vorm Café abspielte. Zumal es ja für sich genommen nichts Außergeöhnliches war – nichts, das von sich aus irgendeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Es war eben nur ein Bärtiger, der mit einem Eis ging. Vanille, das weiß ich jetzt. Aufsehenerregend macht den Vorgang einzig die Regelmäßigkeit. Seltsam, nicht?, wie Wiederholung etwas Belangloses zum Faszinosum befördert?
Eines Tages beugte sich meine Sitznachbarin zu mir herüber. Sonst wäre ich wohl noch heute ahnungslos, also in dem Sinne, dass ich von Robert, der dann auch keinen Namen hätte, nichts wüsste – nicht das Geringste. Jedenfalls sagte die Nachbarin, eine junge Studenin … Was sagte sie noch einmal?
„Sie sind immer da?“ Das hat sie zuerst gefragt, oder etwas dieser Art.
„Nur von drei bis vier“, antwortete ich.
„Sehen Sie diesen Mann?“ fragte sie.
Es ging mir ehrlich gestanden ein bisschen auf die Nerven, ihr Gefrage. Ich wollte ja nur meine Zeitung lesen, wusste nicht, was mir entging, wenn man das überhaupt so sagen kann. Nun ja. Ich sagte also:
„Den mit dem Bart?“
Und sie antwortete: „Der ist wie Sie.“
„Ich muss schon bitten“, sagte ich, und wenn ich mich recht erinnere, klopfte ich auf den Tisch. Nicht fest, aber doch mit genug Wucht, dass der Kaffee schepperte.
„Ich meine nur“, sagte die Nachbarin und schob das Tablett, das sich von meinem Klopfen verschoben hatte, zurück an seinen Platz. „Der macht auch jeden Tag dasselbe.“
Ich gestehe, dass ich jetzt schon neugierig geworden war. Natürlich war er nicht wie ich, das war ja ein junger Bursche, im Alter der Studentin. Vielleicht hatte sie ihn deshalb eher bemerkt als ich. Die beiden waren sich in vielem ähnlich. Das waren beide solche, die Hauben trugen, weil sie fanden, dass sie damit besser aussahen.
„Was macht er denn?“ fragte ich.
„Um drei verlässt er das Haus“, sagte sie. „Er geht auf die Mariahilferstraße und holt sich ein Vanilleeis. Ich glaube, es ist Vanille. Und dann geht er damit nach Hause. Immer wenn ich um die Zeit hier bin, sehe ich ihn. Auch wenn es schneit. Der macht das jeden Tag. Glauben Sie, er bringt es jemandem?“
Ich hätte ihr die Geschichte normalerweise gar nicht abgenommen, aber es war gerade Winter und wenn man darüber nachdachte, war es allein schon seltsam, überhaupt im Winter ein Eis zu holen. Die meisten Eissalons hatten im Winter nicht einmal offen. Und wer sich einmal eigenartig verhält … Trotzdem winkte ich ab, murmelte irgendetwas von meinen Zeitungen. Meine Nachbarin sah ein bisschen enttäuscht aus. Ich vermute, dass sie sich von mir Auskunft oder zumindest beobachterische Komplizenschaft erhofft hatte. Schließlich war ich, in ihren Worten, „wie er“.
Übrigens ist es sicher Vanille. Es hat nämlich nur ein Eissalon offen, und ich habe die Eissorten begutachtet und festgestellt, dass keine andere dieselbe Farbe wie Vanille hat. Eierlikör kommt nahe, ist aber von dunklen Schlieren durchzogen, die man zumindest an manchen Tagen hätte sehen müssen. Vanille also. Was sagt das über Robert aus? Es lässt auf eine gewisse Fantasielosigkeit schließen. Obwohl es sich womöglich nicht um die eigene Fantasielosigkeit handelt. Es ist nachvollziehbar, dass die Studentin vermutete, er bringe das Eis jemand anderem. Er schleckte ja nicht. Nie schleckte er. Warum nicht? Mehrere Gründe waren denkbar: Vielleicht gab es ein Ritual, ein Schleckritual, das er durchzuführen pflegte, eine Schleckmeditation. So etwas gibt es, ich habe es recherchiert. Oder er lässt es lieber ein wenig zerinnen, bevor er lutscht; so ein Eis ist doch recht kalt, besonders im Herbst oder Winter. Vielleicht isst er es gar nicht und es hat einen ganz anderen Zweck: Er wirft es in den Nachbarhof, er wirft es auf den Balkon unter sich. Davon glaube ich übrigens nichts. Ich denke es mir ganz anders.
Er lebt allein. Die Wohnung ist zu groß für ihn, vier Zimmer. Robert arbeitet zuhause, sein Schreibtisch ist aus Glas und hat metallene Beine, hohe metallene Beine. Robert sitzt nämlich nicht daran, sondern steht beim Arbeiten. Was genau er arbeitet, kann ich mir nicht vorstellen. Etwas Kreatives wohl, aber anwendungsorientiert – er schreibt: „Texter“ nennt man das heute, hat man mir gesagt. Das Eis isst er im Sitzen. Ohne Eis erlaubt er sich das Sitzen nicht. Das ist meine Theorie. Er setzt sich also an den Küchentisch. Das Radio läuft, aber er hört gar nicht hin, sondern schleckt nur sein Eis. Dabei streckt er die Zunge aus und dreht das Eis darüber. Zieht sie ein, streckt sie aus, dreht, zieht sie ein. Ich stelle mir vor, dass ihm die Vanille den Bart verschmiert, das Eis ist ja weich, ganz angeschmolzen. Es rinnt ihm auch über die Finger, über die Brust, aber das stört ihn nicht, er lässt es rinnen. Er genießt es sogar. Am Ende steckt er die Zunge in die Waffel und leckt sie aus, sodass sie aufweicht, aber nicht bricht. Dann wirft er sie ins Klo und geht duschen.
Es könnte ganz anders sein. Ich habe der Studentin am Nebentisch einmal meine Theorie erzählt – sie kommt gar nicht selten, nicht so oft wie ich, aber ganz und gar nicht selten. Sie sagt mir, dass sie sogar noch öfter kommt, aber eben nicht immer zwischen drei und vier. Das kann stimmen oder nicht. Jedenfalls lachte sie bei meiner Theorie, sagte, ich sei eben alt und versaut.
„Wie genau Sie sich das überlegt haben“, hat sie gesagt. „Geben Sie’s zu, ein bisschen gesabbert haben Sie schon, wie Sie sich das mit dem Waffelauslecken vorgestellt haben.“
Da habe ich wieder auf den Tisch geklopft – was hätte ich anderes tun sollen? – und dieses Mal ist der Kaffee davon auf den Boden gesprungen und alle im Café haben sich nach mir umgedreht.
Am nächsten Tag wäre ich fast nicht mehr gegangen, aus Scham, aber dann bin ich doch. Es waren andere Leute dort und der Vorfall vergessen. Übrigens habe ich jetzt manchmal das Gefühl, dass Robert mir beim Vorbeigehen zulächelt, nur am Rückweg, wenn er sein Eis hält. Ich frage mich, was er sich über mich denkt.

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Der Unterirdische Fluss

Vorne schlug Wasser gegen Stein. Arseni lenkte das Kanu auf das Plätschern zu, indem er das Ruder näher an sich heranzog. Noch war nichts von der Ausbuchtung zu sehen – nur die Wellen verrieten sie. Die Strömung floss hier langsam und Arseni hatte aufgehört, mit dem Ruder nachhelfen zu wollen. Zu dem Plätschern kam jetzt ein mattes Glühen, wie das Licht einer Stadt, die der Horizont verdeckt. Arseni trieb um eine Biegung und steckte die Hand ins Wasser. Es war kalt und kribbelte auf der Haut.
Das Boot näherte sich dem Ufer und Arseni stand auf, fing den Aufprall ab. Er hielt sich am Stein fest und zog die Seite des Bootes an die Uferwand. Er war in einer Aushöhlung, einer Höhle in der Höhle. Die Wände und der Boden waren von Flechten bedeckt: Sie schimmerten grünlich und rötlich und gelblich und weißlich und bräunlich. Arseni kletterte aus dem Kanu und zog es an Land. Er hielt seine Handfläche ans Licht: Es war so schwach, dass seine Haut grau aussah und die Falten darauf scharfe Linien zogen.
Das Wasser des Flusses war nicht giftig, aber auch kein Trinkwasser. Arseni hatte es einmal gekostet. Es stach in Hals und Magen und löschte den Durst nicht. Vielleicht wuchs deshalb nichts, im unterirdischen Fluss, und lebte nichts darin. Aber hier gab es Pflanzen. Woher nahmen sie ihre Kraft?
Es musste eine Quelle geben. Arseni ging die Seitenwände ab. Die Ausbuchtung maß keine zwanzig Schritt. Jedes Mal, wenn er eine Flechte berührte, zuckte sie und leuchtete auf, sodass das Licht in den Augen schmerzte und Arseni warten musste, bis er sich wieder an die Dunkelheit gewohnt hatte. An einer Stelle war die Wand feucht. Die Flechten standen hier dichter und blitzten schärfer. Aus einem Riss im Fels sickerte Wasser. Arseni drückte die hohle Hand gegen den Stein und sie füllte sich mit lauwarmer Flüssigkeit. Das Wasser musste von oben kommen, wo die Sonne den Stein wärmte. Er trank. Füllte die Hand und trank, füllte die Hand – trank – füllte noch einmal die Hand. Holte Luft und trank. Setzte sich, vom gelöschten Durst müde, und schlief ein.
Die Pflanzen legten sich ihm über den Leib. Wuchsen in Augen und Nase, in die Poren der Haut, in die Wurzeln des Haars; sie hoben und senkten sich im Takt Arsenis Atems, der schließlich erlosch.

Die Wissende

Eine nahm ihre Theorie zu ernst. Sie glaubte, was sie sich zurechtgezimmert hatte, wäre mehr, als der hilflose Versuch, sich auf die Dinge einen Reim zu machen. Wenn etwas geschah, hatte sie schon die Erklärung parat. Vor allem liebte sie die Psychoanalyse und wenn etwas geschehen war fing sie immer gleich an; von Es und Überich, unbewussten Todeswünschen und Kastrationsangst. Sie verstand es, die Theorie mit anderen geschickt zu verbinden, so dass ihre Erklärungen nicht nur sie selbst überzeugten. Meistens hatte sie auch recht.

Aber an manchen Tagen misstraute sie der Theorie plötzlich. Fragte sich, ob es nicht einfach Hirngespinste seien, ob nicht alles viel einfacher zu denken wäre oder viel komplizierter. Sie bekam dann Angst, fuhr sich mit der Hand nervös an den Hals. Beruhigen konnte sie nur die Lektüre neurologischer Populärwissenschaft. Dann war sie wieder sicher, dass die Psychoanalyse das Bessere sei. Sie nahm sich vor, es mit der Theorie lockerer zu sehen. Sich ihre Erklärungen zu spinnen ohne sich auf sie zu versteifen. Aber es wollte nicht gelingen. Entweder war sie von ihrer Theorie ganz eingenommen und krampfhaft überzeugt oder sie fiel ganz von ihr ab und ließ sie erschüttert zurück.

Gelingen

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Tante, ich muss ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein. Die Erinnerung ist sehr dunkel und das Wenige, das ich erinnere, hat wohl nie in dieser Form stattgefunden. Jedenfalls war ich auf etwas stolz, auf irgendetwas, das ich gelernt hatte oder das ich gemacht hatte und habe ihr davon in großen Tönen erzählt. Aber anstatt eines Lobes, das ich mir wohl gewünscht hätte, bemerkte sie nur, man solle bescheiden sein.

Seitdem hat mich Bescheidenheit immer wieder beschäftigt. Ich weiß nicht, ob man bescheiden sein soll, vielleicht kann man es gar nicht. Es gibt eine Form der Bescheidenheit – man könnte sie falsche Bescheidenheit nennen aber womöglich ist es die einzige, die es gibt –, die mich besonders stört. Manchmal liest man oder hört man Sätze, die bescheiden klingen wollen und insgeheim prahlen. Paul Klee etwa beschreibt in seinen Aufzeichnungen Vierzeiler, die er als Jugendlicher geschrieben hatte als „schlechte und echte Kunst“. Die Beschreibung gibt nicht so sehr mit den Gedichten an als mit der Bescheidenheit. Ich glaube, das stört mich, nicht der Stolz, „echte Kunst“ geschaffen zu haben, der mit der Abqualifizierung der „schlechten“ erkauft wurde, sondern die zur Schau gestellte Bescheidenheit. Es ist eine angeberische Bescheidenheit.

Echte Bescheidenheit hieße doch eigentlich, die eigenen Stärken gar nicht erst zu bemerken, also ein unrealistisches Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten zu haben. Das kommt mir wenig wünschenswert vor. Vielleicht ist Bescheidenheit also per se verlogen. Zugutehalten muss man ihr die Zurückhaltung, die sie verlangt, ein Stück Zivilisierung. Aber sie ist doch in erster Linie eine Spielverderberin, denn was ist falsch an der Freude des Gelingens, einem sicher kindlichen Vergnügen? Es zeigt sich schon: Ich werde weiter daran zu kauen haben.

Klüger

Ruth Klüger hat ein Gedicht geschrieben, zu Jom Kippur. Es geht darin um den Tod ihres Bruders. Die letzte Strophe lautet: „Ich war doch vor Jahren dir Jahr um Jahr Schwester, / Der du dich abkehrst, starrsinnig erstarrt, / Wo dein Sterben dich einschließt wie Stacheldraht. / Sind wir Lebenden denn den Toten Gespenster?“

In weiter leben bemerkt sie dazu, die letzte Zeile sollte mühsam auszusprechen sein und unpoetisch klingen. Sie ist wirklich nicht poetisch und kaum über die Lippen zu bringen. Lebenden denn den. Wüsste ich nicht, dass es so sein soll, würde ich denken, die Worte seien ungeschickt gewählt. Diese Entscheidung für das Schiefe imponiert mir unbeschreiblich. Sie ist das Gegenteil von Angeberei: In Kauf nehmen, dumm dazustehen. Dazu gehört intellektuelle Sicherheit. Wieso ist das Einfachste das Schwerste?