Proteus

Der Meeresgott Proteus gab dem von Ed Key und David Konega entwickelten Computerspiel seinen Namen. Und eben vom Meere aus betritt die Spielerin eine Insel aus bunten Farben und seltsam kitschigen Klängen. Die Musik passt sich der Umgebung an und die pixeligen Tiere, welche die Insel bewohnen, reagieren auf die Anwesenheit der Besucherin.

Anders als in dem in gewisser Weise ähnlichen Spiel Minecraft, wird sich aber nicht gleich mit bloßen Händen auf den nächsten Baum gestürzt, um eine Axt zu bauen. Wenn Minecraft die Urform der Naturbeherrschung virtuell verwirklicht – der Mensch, der sich die Natur gemäß seiner Bedürfnisse zurechtstutzt – betritt die Spielerin in Proteus das Bildnis einer versöhnten Natur. Diese Natur ist ihr nicht feindlich gesinnt, noch der in der Wirklichkeit verheerende Schneesturm kann deshalb als schönes von seltsamen Klängen umrauschtes Naturereignis erscheinen.

Auch lassen sich auf der Insel Spuren von Kultivierung entdecken: eine Hütte, einige Statuen oder ein Turm. Diese seltenen Gebäude können aber nicht betreten werden, sie erfüllen keine Funktion. Die Natur, vor der die Hütte Schutz bieten könnte, gibt es nicht. Sie sind ein Zeichen der Versöhnung und des Friedens. Ein kurzes Gedicht Brechts, das den Titel Der Rauch trägt, lautet: „Das kleine Haus unter den Bäumen am See. / Vom Dach steigt Rauch. / Fehlt er / Wie trostlos dann wären / Haus, Bäume und See.“ In Proteus ist noch etwas dieser Trostlosigkeit spürbar. Denn über dem Schornstein der Hütte auf der Insel fehlt der Rauch.

Cellar Door

Wer in der Schule lernt, das lyrische Ich wäre nicht mit der Autorin in eins zu setzen, ist erstaunt und dann stolz. Es liegt zunächst näher, sehr wohl genau davon auszugehen – besonders bei Gedichten oder bei biographisierender Prosa. Diese Vorstellung abzulegen, bedeutetet einen Abstraktionsschritt: stolz sind wir, weil wir uns freuen, dass wir zu ihm fähig sind. Aber irgendwie ist das Verhältnis von Autorin und lyrischem Ich – respektive auch von Erzählerin und Autorin – verwobener und seltsamer. Sie lassen sich im Grunde nicht so recht auseinander dröseln.

Vor allem gilt das, bei einem Roman, der in der Ich-Form erzählt wird. „Wie ich mir darüber klar wurde, war es schon zu spät. Ich hatte mich wohl zu sehr mit dem Gedanken angefreundet, mir keine Gedanken machen zu müssen.“ Wer sagt diese Sätze? War ich es und falls ja, wer ist ich? „Ich, Samuel Estragon, schreibe diesen Satz.“ Wer schreibt nun diesen Satz?

Eine Erzählfigur mag noch so durchdacht und glaubwürdig sein. Wenn der Hochstapler Krull uns seine Bekenntnisse vorlegt, ist es dann nicht doch ein Buch von Thomas Mann, dessen Name auch auf dem Titel prangt und ist dann nicht doch jedes Wort, das uns in der Sprache des Hochstapelnden aufgetischt wird, letztlich auch ein Wort von Thomas Mann? Es gibt eine Sphäre des Scheins, in der Krull diese Worte schreibt und eine vielleicht phantasielose, in der es immer die Worte Manns bleiben werden.

Ich vermute, dass wir als Kinder nicht Krull in Frage stellen, weil wir ihn nur als Thomas Mann gelten lassen wollen, sondern den Hochstapler für real nehmen. Wir zweifeln nicht am Schein, sondern halten das lyrische Ich für eine Person der wirklichen Welt. Eigentlich wird von uns verlangt, diese Sphären auseinanderzuhalten, die uns zunächst als eine erscheinen: Möglichkeit und Wirklichkeit.

Kippbilder

Es ist eine der bemerkenswertesten und charakteristischen Eigenschaften jeder Kunst, dass sie in einer bestimmten Ansicht ein seltsames Kippbild darstellt. Jedes einzelne Werk und jeder Werkkomplex ergeben für sich betrachtet einen Sinnzusammenhang, mag er geschlossen, brüchig oder durchlässig sein. Jedenfalls absorbiert er die Frage nach dem Sinn der Kunst in ihr Inneres. Sie kommt nicht auf, weil die Frage nach diesem inneren Sinn der Gebilde im Moment der konzentrierten Beschäftigung um soviel drängender erscheint.

Doch kaum tritt die denkende Betrachterin aus der Sphäre der Kunstwerke aus, blickt auf sie wirklich nur von außen, kippen die Stücke um. Sie verrätseln sich zu einer durchaus banalen und durchsichtigen Fassade, welche die Frage geradezu aufdrängt: Was soll der Scheiß eigentlich? Was vorher als subtiles Spiel der kleinsten Nuancen und Aspekte der Werke aufgefasst werden konnte, muss jetzt als Projektion und Wichtigtuerei erscheinen.

Diese Kippbildhaftigkeit der Kunst ist das stärkste Indiz dafür, dass künstlerische Werke wirklich eine eigene Welt bevölkern.

Récriture

Es gibt ein mimetisches Moment am Lesen: Den Impuls, das Gelesene neu zu verfassen. Je weiter die Lektüre fortschreitet – vor allem die eines Romans –, je durchsichtiger sein Bauplan der Leserin vor Augen tritt, umso mehr fühlt sie den Wunsch, den Text neu zu ordnen. Beim Lesen schreibt sie ihn in Gedanken um. Und doch würde sie gar nicht schreiben, nicht in der Fantasie, nicht in der Wirklichkeit, hätte sie nicht eben jenen Text vor sich, der sie zu seiner Veränderung anstiftet.